
| Homepage |
Ansprache des
Jury-Präsidenten,
Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und. Kollegen, Infolge der Strukturveränderungen und der personellen Mutationen hier in Ascona war es im letzten Jahr ziemlich ungewiss, ob und wie es mit unserem Balint-Preis für Medizinstudenten weitergehen wird. Wie Sie bereits lesen konnten und jetzt auch sehen und hören werden, ist es weitergegangen, und darüber freuen wir uns. Ich möchte vorweg im Namen der Preis-Jury all denjenigen herzlich danken, die diese Kontinuität ermöglicht haben, und ich hoffe, dass wir Ihnen jetzt auch konkret vermitteln können, wodurch unsere Freude am Fortbestehen des Studentenpreises getragen ist, und warum uns auch eine künftige Kontinuität, eine künftige Kontinuität, ein künftige 'Dauer im Wechsel', am Herzen liegt. Ich beginne mit dem nüchternen Teil, welcher unabdingbar auch ein paar Mitteilungen zum formellen Rahmen und sogar ein paar Zahlen einschliesst. So soll daran erinnert werden, dass der Studentenpreis von der Asconeser 'Stiftung für Psychosomatik und Sozial-Medizin' ausgeschrieben wird, und dass uns in verdankenswerter Weise wieder eine Preissumme von Fr. 10'000.- zur Verfügung gestellt worden ist. Wir hatten in diesem Jahr 27 Texte aus 11 Ländern zu beurteilen, nämlich 8 aus Deutschland, 4 aus der Ukraine, je 3 aus der Slowakei und Ungarn, je 2 aus England und Italien und je l aus Belgien, Bulgarien, Kanada, Österreich und Rumänien. 2 Arbeiten mussten wir von vornherein ausschliessen, weil sie nicht von Studenten verfasst waren. Als nächstes möchte ich Ihnen die Zusammensetzung des diesjährigen Preisgerichtes bekannt geben. Ich verbinde dies mit meinem herzlichen Dank für die Mitarbeit, auch wenn ich weiss, dass diese Tätigkeit für uns alle auch vergnüglich ist und wir sie gern tun. Ich beginne mit dem dienstältesten Jury-Mitglied, Herrn Dr. Hans Peter Mitteregger. Er hat eine chirurgisch- orthopädische Ausbildung und arbeitet heute am Paraplegiker-Zentrum in Nottwil im Kanton Luzern. Dann Herr Dr. Peter Grob; er ist Internist und Psychiater und führt eine psychosomatische Privatpraxis in Luzern. Im weiteren gehört Herr Andrea Rossetti, zur Zeit Assistenzarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Bern, dazu. Ferner Herr cand. med. Raffaele Renella, Student in den letzten Semestern in Genf. Neu hat in diesem Jahr Herr De. Michele Tomamichel mitgewirkt; er ist leitender Arzt am 'Servizio di Psichiatria e Psicologia medica' in Lugano. Seit Jahren ist schliesslich auch meine Frau, Brigitte Trenkel, dabei; obwohl Nicht-Ärztin ist sie von allem Anfang an mit der Balintgruppen-Arbeit und dann auch mit der Beurteilung studentischer Preisarbeiten vertraut. Ich selber amtiere seit der Gründung des Preises als Präsident des wechselnden Gremiums; ich war Psychiater mit ausschliesslich psychotherapeutischer Praxis in Bern, leite seit 30 Jahren Balint-Gruppen und wohne heute im Tessin. Im Folgenden möchte ich über unsere Ausschreibungs- und Beurteilungskriterien sprechen, und zwar relativ eingehend, weil wir bei zahlreichen Arbeiten, die uns erreicht haben, unter dem Eindruck standen, dass diese Kriterien, die immerhin in 4 Sprachen verschickt werden, entweder nicht gelesen oder aber in ihrem wesentlichen Gehalt nicht verstanden werden. Um möglichst deutlich zu machen, was für unsere Beurteilung entscheidend ist, will ich die Akzente nicht einfach der Reihe nach aufzählen; ich will mich bemühen, Absicht und Sinn unserer Preisausschreibung speziell im Blick auf die eingegangenen Texte darzulegen und sie so sachlich zu rechtfertigen. Die Sache, um gleich hier zu beginnen, ist die, dass es sich um einen Balint-Preis für Medizinstudenten handelt, was wir insofern wörtlich verstehen und zu verstehen bitten, als von vornherein nur Arbeiten von Studenten der Medizin in Betracht gezogen werden und der Preis mit den spezifischen Erfahrungen zu tun hat, für die uns der ungarische Psychoanalytiker Michael Balint seinerzeit die Augen geöffnet hat. Es geht um die Originalität, Kreativität und eben auch Spezifität der personal erlebten Beziehungswirklichkeit als Basis jeden therapeutischen Tuns, nicht allein im Sprechzimmer von Psycho-Spezialisten, dort freilich auch, was heute - paradoxerweise - vielerorts in besonderem Masse eine 'injection de rappel' zu benötigen scheint. Kurz, wir wollen mit unserem Balint-Preis nicht lediglich den Namen einer Pionierpersönlichkeit vor dem Vergessen bewahren, sondern vielmehr den mit diesem Namen verbundenen Aufbruch in - wie Balint meinte - "unerforschte Bereiche " der ärztlichen Praxis. Dieser Aufbruch scheint uns nach wie vor "eine Reise wert", obwohl der Zeitgeist (der 'Trend') mit geradezu verdächtigem Volldampf in entgegengesetzte Richtung drängt und manches, was durch Balints Praxisforschung ernsthaft in Frage gestellt wurde, sich inzwischen dogmatisch verhärtet und institutionell fixiert hat. Über diese Entwicklung bleibt m.E. noch viel nachzudenken, wozu hier nicht der Ort ist. Auch die Frage, ob Balints Ansatz schon zur Klassik oder noch immer zu kaum betretenen Zukunftspfaden gehört, soll hier nicht diskutiert werden. Ich selber, und ich bin wohl nicht der einzige, halte dafür, dass es sich bei diesem Ansatz nicht um eine Frage von Klassik, Post-Moderne oder Zukunft handelt, sondern um das 'Bleibende im Wechsel' jeder Humanmedizin. Ich stelle mich damit auch im Blick auf Sinn und Bedeutung der Sache selbst hinter das gleiche Wort, das mir schon im Blick auf Vergangenheit und Zukunft unseres Studentenpreises entgegen gekommen ist. Damit wäre ich wieder beim Preis, den ich hier nicht nur vergeben , sondern auch verständlich erläutern mochte, nicht zuletzt deshalb, weil der erste Versuch, die relationelle Praxisperspektive im Sinne Balints schon im Studium zur Geltung zu bringen, massgeblich von Ascona bzw. von Dr. Boris Luban ausgegangen ist. Die Bedeutung des individuellen Erlebens, überall dort, wo es mehr um den Kranken als um kodifizierbare Krankheiten und Störungen geht, soll auch im Studium schon erfahrbar sein, was freilich nicht ohne individuell erlebende Studenten und Studentinnen möglich ist. In unsern Preiskriterien ist deshalb die Exposition des eigenen Beziehungs-Erlebens in einer Student-Patient-Begegnung der unverzichtbare Einstieg. Alles andere - die Reflexion der Erfahrung sowie die tätige Umsetzung, sei es in praktischer oder theoretischer Hinsicht - kommt erst nachher in Betracht. Es scheint, dass die Notwendigkeit zu solcher Akzentsetzung heute eher wieder wächst, oder dass sie in zunehmendem Masse unverständlich bleibt. Es wäre sonst kaum möglich, dass uns Arbeiten erreichen, die irgendeine allgemeine Untersuchung, z.B. über den Einfluss von Stress auf Schwangerschaft und Geburt, zum Thema haben, ohne dass Beziehungserfahrungen von Studenten mit Patienten vorkommen. Es ist auch nicht im Sinne unserer Ausschreibung, wenn eine noch so korrekte Darstellung einer seltenen Krankheit mit Anamnese und Verlauf erfolgt, wobei vielleicht 3 Zeilen darauf schliessen lassen, dass das Mitgeteilte auch mit eigenen Beobachtungen am Krankenbett korreliert. Ebenso wenig kann es sich darum handeln, zu einem ärztlichen oder philosophisch-kulturellen Thema allgemeine Gedanken vorzutragen und zur Illustration von abstrakten Inhalten einige Illustrationen einzustreuen. Besonders heikel wird es in dieser Hinsicht, wenn es um Themen geht, die in der Balint-Arbeit gleichsam heimisch sind, dann aber so angegangen werden, dass das Lebendige, worauf es hier ankommt, gerade wieder weg-rationalisiert wird. Nun will ich aber dazu übergehen, auch von Texten zu berichten, in welchen die Autoren durchaus mit eigenem Erleben in Erscheinung treten und insofern die Grundvoraussetzung erfüllen, auch wenn sie doch nicht zu den Preisgekrönten gehören, weil ja schliesslich nicht alle gewinnen können. In verschiedenen Arbeiten kommt zur Sprache, wie Studenten und Studentinnen erst durch die Begegnung mit Patienten ein motivierendes Interesse für ihren künftigen Beruf gewonnen haben, eine Studentin beispielsweise durch eine ermutigende Begegnung mit einer älteren Dame anlässlich einer schwierigen technischen Verrichtung, Eine andere Studentin beschreibt, wie sie von der Geschichte einer Patientin, die 35 Jahre ihres Lebens in Afrika verbracht hatte, derart fasziniert war, dass ihre bisherige Grundeinstellung zum Leben - in der Sprache Balints: ihre "apostolischen" Massstäbe in Bezug auf richtig/falsch, gut/schlecht, wünschenswert/vermeidenswert usf. - radikal erschüttert wurde. Ein englischer Student schildert seine Eindrücke im Verlauf eines miterlebten Arbeitstages in der Sprechstunde eines Allgemeinpraktikers, wobei er speziell auf die Bedeutung von kleinen Alltagsgeschehnissen eingeht. Er betitelt seinen Text: "Meeting the human side of our "science", wobei er dem Wort science mit Anführungsstrichen auf seine Weise gerecht zu werden trachtet. Ein Student aus der Ukraine erzählt von seinen Therapieversuchen bei einem jungen Tataren mit muslimischer Religions- und Kulturverbundenheit, dessen 'Angst', 'Depression' und 'vegetative Dystonie' (dies die aufgelisteten "Diagnosen" sich für herkömmlich westliche Therapiemethoden als unzugänglich erwiesen, während er mit einer spezifischeren Suggestionstechnik mehr Erfolg hatte. Der Autor ist von der unumgänglichen Bedeutung des kulturellen Hintergrundes bei jedem therapeutischen Handeln überzeugt; er kommt zum Schluss, dass der Arzt bei Wahl und Entwicklung seiner Behandlungsstrategien auch Imagination brauche und seine eigene menschliche Erfahrung nicht ausklammern dürfe. Erwähnen mochte ich ferner den Bericht eines kanadischen Studenten, der bei einem Einsatz im Dschungel von Ecuador dabei sein konnte und so eindrücklich die Grenzen amerikanischer Spitzenmedizin erlebt hat. Zum Schluss meiner Beispielsreihe, die ich aus den nicht-prämierten Texten herausgreife, will ich das Erlebnis der ungarischen Studentin kurz wiedergeben, die zu einem Praktikum nach Kalifornien fliegt. Im Flugzeug leistet sie zögernd dem Ruf der Stewardess nach einem Arzt oder einer Krankenschwester Folge, worauf es ihr gelingt, eine ohnmächtige Dame unter Konzentration auf wenige, fachlich höchst rudimentäre, Kenntnisse wieder zu Bewusstsein zu bringen. Meine Damen und Herren, ich berichte diese Beispiele nicht unter dem Aspekt einer Kuriositätensammlung, sondern um Ihnen Einblick in die Vielfalt der eingegangenen Texte zu vermitteln, sicher auch mit der Nebenabsicht, etwas von dem, was ich das 'Bleibende im Wechsel' genannt habe, so gut es geht erfahrbar zu machen. Dieses 'Bleibende' gründet doch in der unverrückbaren Faktizität, dass Patienten nicht blosse Diagnosen-Träger, sondern zunächst Personen mit Bedürfnissen, Hoffnungen, Befürchtungen, Ängsten usw. sind, und dass der Zugang zu dieser Wirklichkeit sich nur über den professionellen Gebrauch unserer eigenen Beziehungsmöglichkeiten aufschliesst, nicht durch standardisierte anonyme Verhaltensregeln, die gewiss nicht zum Bleibenden gehören. Noch eine andere Ur-Gegebenheit kann in diesem Zusammenhang nicht leicht übergangen und verleugnet werden, nämlich die Tatsache, dass Menschen, so auch Patienten und Patientinnen, so auch Ärzte und Ärztinnen, ein Geschlecht haben, und dass menschliche Beziehungen, wenn sie nicht ganz oberflächlich bleiben, von dieser Urpolarität mitbestimmt werden. Vielleicht mochte man heute in einem nur funktionalen Denken dieses Bleibende am liebsten abschaffen und geschlechtsneutrale Einheitsfunktionäre, Einheits-'Leistungserbringer', züchten. In unserer Jury fühlen wir uns diesbezüglich eher unbefangen, und doch haben wir erst am Schluss unserer Arbeits-Sitzung richtig bemerkt, dass alle Texte, die wir als preiswürdig auserkoren haben, von Studentinnen verfasst sind. Ich gestehe, dass uns die Entdeckung beinahe peinlich war, womit ich zum Ausdruck bringen möchte, dass wir uns bei der Arbeit weder revolutionär noch reaktionär fühlten, dass wir keinerlei Quotenregel im Sinne hatten, sondern ganz schlicht die besten Arbeiten auszuwählen bemüht waren. Unbewusste Momente und Implikationen lassen sich freilich nie ausschliessen, was ebenfalls zum 'Bleibenden im Wechsel' gehört und gewiss nicht nur zu bedauern ist. Es gilt jetzt, Ihnen diese Preisträgerinnen persönlich vorzustellen. Es sind vier, und sie sind alle leibhaftig anwesend, was bei den weiten Anreisedistanzen doch recht erfreulich ist. Zwei von den Damen haben wir im übrigen gebeten - es stellt dies in Bezug auf unser Procedere ein Novum dar - selber zu ihren Erfahrungen mit der Preisarbeit etwas zu sagen, z.B. über ihr Erleben beim Aufarbeiten und Niederschreiben das Dargestellten .
|