| Homepage | Vorwort zu Buch über Balintgruppen von Prof. Fausto Agresta in Pescara Ein Brief statt eines Vorworts
von Dr. med. Klaus Rohr, Facharzt FMH
für Psychiatrie u. Psychotherapie
Erinnern wir uns:
Aristoteles fordert als Voraussetzung für die Tätigkeit eines Arztes ein Dreifaches: Der
Arzt braucht Kenntnisse - die Episteme - er
braucht Fähigkeit und Geschick, diese Kenntnisse anzuwenden - die Techne - und er
muss über Phronesis verfügen, über
Einsicht, Übersicht, Verstand um Kenntnisse und Fähigkeit richtig einzusetzen Diese Phronesis
ist eines der Grundanliegen Michael Balints in seinem Buch Der Arzt, der Patient
und die Krankheit und so erfuhr ich es auch, als ich 1968 Balint an einer
psychosomatischen Studienwoche in Sils-Maria kennen lernte. Balints
Ausgangspunkt war die Frage, wie Kenntnis und Erfahrung des Psychoanalytikers für die
Arbeit des Hausarztes genützt werden könnten. Der Hausarzt bringt von der Universität
Kenntnisse über Krankheiten und Fähigkeiten, diese Kenntnisse einzusetzen. In seiner
Praxis sieht er sich Patienten gegenüber, deren Krankheiten meistens nicht dem an der
Universität Gelernten entsprechen, nicht blosse pathophysiologische Fehlfunktionen,
wissenschaftlich definierte Krankheiten sind, sondern er steht vor Leiden, die zusätzlich
von psychischen, sozialen und lebensgeschichtlichen Faktoren verursacht und mitverursacht
und geprägt sind. Der Glaube, das von der Universität vermittelte Wissen genüge, um
diesen Leidenszuständen zu begegnen, erweist sich als irrig. Balint suchte mit den
Hausärzten Wege, nicht Krankheiten zu bekämpfen, sondern Kranke zu behandeln, Kranke zu
verstehen, Kranken zu begegnen. Da auch die Patienten dem Zeitgeist verhaftet waren und
vom irrigen Bild einer zu bekämpfenden Krankheit ausgingen, dem Arzt daher bloss Symptome
schilderten und nicht wagten, von Sorgen, Ängsten und Nöten zu sprechen, blieb die
übliche Kommunikationsweise ungenügend. Denn Sorgen, Nöte und Ängste gehörten nicht
zum Bild dessen, was die Wissenschaft als Krankheit anerkannte. Balint lehrte die Ärzte,
in der Beziehung mit den Patienten auch die averbalen Mitteilungen wahrzunehmen, jenen
Teil der Geschichte, die die Patienten nicht äusserten oder nicht zu äussern in der Lage
waren, und den sie oft selber nicht bewusst mit ihrem Leiden in Beziehung brachten. Er
lehrte, nicht zu fragen - wie ein Krankheitsdetektiv - sondern zuerst einfach zuzuhören.
Denn: Wer fragt, bekommt Antworten - sonst nichts war einer der bekannten
Aussprüche Balints. Wenn der Arzt aufnehmen kann, was ihm der Patient an Emotionen
vermittelt, wenn er seine eigenen Emotionen als Botschaften, als Symptome als Mitteilung
des Patienten zu verstehen lernt, findet er Zugang zur Welt des Patienten und nicht nur zu
dessen Symptomen. Balint lehrte,
dass Universitätswissen notwendig und grundlegend ist. Aber es genügt nicht für die
Tätigkeit des Arztes. Wenn der Arzt nur Episteme und Techne einsetzt, findet er den
Zugang zum Patienten nicht. Balint zeigte, dass die Behandlung eines Patienten nicht eine
einseitige Tätigkeit des Arztes, sondern ein gemeinsames Werk von Patient und Arzt ist.
Nur der Arzt, der die Selbstheilungskräfte des Patienten durch einfühlsames Verständnis
aktivieren kann, wird dem Anspruch des Patienten gerecht. Kurz, Balint lehrte, nicht
Krankheiten zu bekämpfen, sondern Kranke zu behandeln. Er lehrte uns, zuzuhören und die
eigenen Emotionen als Schlüssel zum Erleben des Patienten ernst zu nehmen
Diese Begegnung, diese Erfahrung mit Balint war eine wichtige Korrektur des von der
Universität vermittelten Tuns. Auch in der damaligen psychosomatischen Medizin bestand
die Tendenz, psychosomatische Krankheiten als Entitäten zu definieren und zu
beschreiben, die behandelt werden könnten. Von Balint lernten wir zu sehen, dass in jedem
Kranksein der ganze Mensch mit Soma und
Psyche beteiligt ist. Entscheidend war, diese Wirklichkeit der Heilkunde wieder zu sehen,
die hinter den grossen Erfolgen der Wissenschaft verloren zu gehen droht.
Man kann das auch anders formulieren: das Ideal der wissenschaftlichen Medizin ist
die Restitutio ad integrum, die Wiederherstellung eines vorbestandenen
gesunden Zustandes. In der Heilkunde geht es aber viel mehr um die Restitutio ad Integritatem, Jedes Kranksein ist
nicht nur Defekt-Zustand, sondern auch ein Prozess. Heilung ist nicht nur Ausmerzen von Störendem, sondern auch Wandlung, ein Weg zu einem neuen Gleichgewicht
zu einem Gleichgewicht, das Neues integrieren und sich neu organisieren und finden
muss. Der Arzt, der den Kranken und nicht nur
die Krankheit behandelt, bekämpft nicht nur
die Krankheit, er begleitet den Kranken auf einem Weg - und das kann er nur, wenn er den
Kranken und nicht bloss Krankheit sieht. Die moderne Medizin läuft Gefahr averbal zu
werden. Mit den heutigen Mitteln könnten Anamnese und Befunde auch durch Apparate und
Maschinen erhoben werden, vielleicht sogar exakter als durch Menschen. Das
Gespräch zwischen Arzt und Patient droht zu einem ritualisierten Austausch von Fragen und
Antworten zu verkommen. Und für die Patienten, die im gleichen Zeitgeist leben und an
diesem kommunikativen Verarmungsprozess teilhaben - im Glauben, der modernen Wissenschaft
sei alles möglich - für diese Patienten wird die moderne Medizin gleichzeitig immer
unheimlicher, weil sei auf einem defekten Menschenbild beruht. Die naturwissenschaftliche
Medizin der Universitäten ist die Medizin des Homo faber. Unsere Patienten gehören aber
zur Spezies des Homo sapiens. Sapere heisst riechen. Und so ist der Homo sapiens ein
Wesen, das nicht nur Rationalität ist, sondern auch in Sinnlichkeit und Emotionen
gründet. Daher muss der Arzt über Wissen verfügen und Lebendigkeit wahrnehmen können. Dies alles
hat uns Balint immer weder gelehrt.
Technisch gesprochen haben wir bei Balint gelernt, unsere Gegenübertragung
diagnostisch und therapeutisch zu reflektieren und dann entsprechend einzusetzen. In eine
allgemeinverständliche Sprache übersetzt heisst das: wir müssen und dürfen das, was in
der Beziehung geschieht, unsere Emotionen, ernst nehmen, wir müssen sie reflektieren und
nicht gegenagieren. Dann werden wir erfahren, wie sehr es den Zugang zum Patienten
erleichtert, wie es nicht nur die Beziehung zwischen Arzt und Patient belebt, sondern
auch, wie viel interessanter, befriedigender, lebendiger die Arbeit des Arztes wird und
wieviel mehr für den Patienten geschieht.
Hätten wir dies alles nur in Büchern gelesen oder in Vorlesungen gehört, wäre
es wohl kaum umgesetzt worden. Balints Botschaft lebt jedoch in der Gruppe und es wäre
hier Vieles über die Balint-Gruppe zu sagen. Erst dort wird die Theorie im lebendigen
Austausch, in der Erfahrung der Gruppe, im Erleben unserer verschiedenen Rollen zu jener
Dynamik, die die wichtige und doch begrenzte Veränderung der Persönlichkeit des Arztes,
des Therapeuten, des Sozialarbeiters bewirkt. Und diese neue Sichtweise wird helfen, Ohren
und Augen zu öffnen für die Wirklichkeiten, die Bedürfnisse, die Notwendigkeiten des
Patienten.
Lieber Fausto - dies sind einige Gedanken zu Deinem schönen und reichen Buch, in
dem Du und Deine Mitarbeiter ein reiches Panorama von Überlegungen und Erfahrungen
ausbreiten. Sie dokumentieren, wie lebendig die Impulse weiterwirken, die von Balint
ausgegangen sind. Daher wünsche ich diesem Buch viele und aufmerksame Leser. Sie werden
reich beschenkt werden. |