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Vorwort zu Buch über Balintgruppen von Prof. Fausto Agresta  in Pescara

Ein Brief statt eines Vorworts

 

von Dr. med. Klaus Rohr, Facharzt FMH für Psychiatrie u. Psychotherapie
Dreilindenstr. 39, 6006 Luzern
klaus-rohr@bluewin.ch



        Caro Fausto-

        Seit vielen Jahren arbeiten wir - in Freundschaft vereint - für die Kenntnis der Balintgruppen. Und warum tun wir das?

        Erinnern wir uns: Aristoteles fordert als Voraussetzung für die Tätigkeit eines Arztes ein Dreifaches: Der Arzt braucht Kenntnisse - die Episteme - er braucht Fähigkeit und Geschick, diese Kenntnisse anzuwenden - die Techne - und  er muss über Phronesis verfügen, über Einsicht, Übersicht, Verstand – um Kenntnisse und Fähigkeit richtig einzusetzen

        Diese Phronesis ist eines der Grundanliegen Michael Balints in seinem Buch “ Der Arzt, der Patient und die Krankheit“ und so erfuhr ich es auch, als ich 1968 Balint an einer psychosomatischen Studienwoche in Sils-Maria kennen lernte.  

        Balints Ausgangspunkt war die Frage, wie Kenntnis und Erfahrung des Psychoanalytikers für die Arbeit des Hausarztes genützt werden könnten. Der Hausarzt bringt von der Universität Kenntnisse über Krankheiten und Fähigkeiten, diese Kenntnisse einzusetzen. In seiner Praxis sieht er sich Patienten gegenüber, deren Krankheiten meistens nicht dem an der Universität Gelernten entsprechen, nicht blosse pathophysiologische Fehlfunktionen, wissenschaftlich definierte Krankheiten sind, sondern er steht vor Leiden, die zusätzlich von psychischen, sozialen und lebensgeschichtlichen Faktoren verursacht und mitverursacht und geprägt sind. Der Glaube, das von der Universität vermittelte Wissen genüge, um diesen Leidenszuständen zu begegnen, erweist sich als irrig. Balint suchte mit den Hausärzten Wege, nicht Krankheiten zu bekämpfen, sondern Kranke zu behandeln, Kranke zu verstehen, Kranken zu begegnen. Da auch die Patienten dem Zeitgeist verhaftet waren und vom irrigen Bild einer zu bekämpfenden Krankheit ausgingen, dem Arzt daher bloss Symptome schilderten und nicht wagten, von Sorgen, Ängsten und Nöten zu sprechen, blieb die übliche Kommunikationsweise ungenügend. Denn Sorgen, Nöte und Ängste gehörten nicht zum Bild dessen, was die Wissenschaft als Krankheit anerkannte. Balint lehrte die Ärzte, in der Beziehung mit den Patienten auch die averbalen Mitteilungen wahrzunehmen, jenen Teil der Geschichte, die die Patienten nicht äusserten oder nicht zu äussern in der Lage waren, und den sie oft selber nicht bewusst mit ihrem Leiden in Beziehung brachten. Er lehrte, nicht zu fragen - wie ein Krankheitsdetektiv - sondern zuerst einfach zuzuhören. Denn: „Wer fragt, bekommt Antworten - sonst nichts“ war einer der bekannten Aussprüche Balints. Wenn der Arzt aufnehmen kann, was ihm der Patient an Emotionen vermittelt, wenn er seine eigenen Emotionen als Botschaften, als Symptome als Mitteilung des Patienten zu verstehen lernt, findet er Zugang zur Welt des Patienten und nicht nur zu dessen Symptomen.

        Balint lehrte, dass Universitätswissen notwendig und grundlegend ist. Aber es genügt nicht für die Tätigkeit des Arztes. Wenn der Arzt nur Episteme und Techne einsetzt, findet er den Zugang zum Patienten nicht. Balint zeigte, dass die Behandlung eines Patienten nicht eine einseitige Tätigkeit des Arztes, sondern ein gemeinsames Werk von Patient und Arzt ist. Nur der Arzt, der die Selbstheilungskräfte des Patienten durch einfühlsames Verständnis aktivieren kann, wird dem Anspruch des Patienten gerecht. Kurz, Balint lehrte, nicht Krankheiten zu bekämpfen, sondern Kranke zu behandeln. Er lehrte uns, zuzuhören und die eigenen Emotionen als Schlüssel zum Erleben des Patienten ernst zu nehmen

        Diese Begegnung, diese Erfahrung mit Balint war eine wichtige Korrektur des von der Universität vermittelten Tuns. Auch in der damaligen psychosomatischen Medizin bestand die Tendenz, „psychosomatische Krankheiten“ als Entitäten zu definieren und zu beschreiben, die behandelt werden könnten. Von Balint lernten wir zu sehen, dass in jedem Kranksein der ganze Mensch mit Soma und Psyche beteiligt ist. Entscheidend war, diese Wirklichkeit der Heilkunde wieder zu sehen, die hinter den grossen Erfolgen der Wissenschaft verloren zu gehen droht.

         Man kann das auch anders formulieren: das Ideal der wissenschaftlichen Medizin ist die Restitutio ad integrum, die Wiederher­stellung eines vorbestandenen „gesunden“ Zustandes. In der Heilkunde geht es aber viel mehr um die Restitutio ad Integritatem, Jedes Kranksein ist nicht nur Defekt-Zustand, sondern auch ein Prozess. Heilung ist nicht nur  Ausmerzen von Störendem, sondern  auch Wandlung, ein Weg zu einem neuen Gleichgewicht – zu einem Gleichgewicht, das Neues integrieren und sich neu organisieren und finden muss. Der Arzt, der den Kranken und nicht nur die Krankheit behandelt, bekämpft nicht nur die Krankheit, er begleitet den Kranken auf einem Weg - und das kann er nur, wenn er den Kranken und nicht bloss Krankheit sieht. Die moderne Medizin läuft Gefahr averbal zu werden. Mit den heutigen Mitteln könnten Anamnese und Befunde auch durch Apparate und Maschinen erhoben werden, vielleicht sogar “exakter“ als durch Menschen. Das Gespräch zwischen Arzt und Patient droht zu einem ritualisierten Austausch von Fragen und Antworten zu verkommen. Und für die Patienten, die im gleichen Zeitgeist leben und an diesem kommunikativen Verarmungsprozess teilhaben - im Glauben, der modernen Wissenschaft sei alles möglich - für diese Patienten wird die moderne Medizin gleichzeitig immer unheimlicher, weil sei auf einem defekten Menschenbild beruht. Die naturwissenschaftliche Medizin der Universitäten ist die Medizin des Homo faber. Unsere Patienten gehören aber zur Spezies des Homo sapiens. Sapere heisst riechen. Und so ist der Homo sapiens ein Wesen, das nicht nur Rationalität ist, sondern auch in Sinnlichkeit und Emotionen gründet. Daher muss der Arzt über Wissen verfügen und Lebendigkeit wahrnehmen können. Dies alles hat uns Balint immer weder gelehrt.

         Technisch gesprochen haben wir bei Balint gelernt, unsere Gegenübertragung diagnostisch und therapeutisch zu reflektieren und dann entsprechend einzusetzen. In eine allgemeinverständliche Sprache übersetzt heisst das: wir müssen und dürfen das, was in der Beziehung geschieht, unsere Emotionen, ernst nehmen, wir müssen sie reflektieren und nicht gegenagieren. Dann werden wir erfahren, wie sehr es den Zugang zum Patienten erleichtert, wie es nicht nur die Beziehung zwischen Arzt und Patient belebt, sondern auch, wie viel interessanter, befriedigender, lebendiger die Arbeit des Arztes wird und wieviel mehr für den Patienten geschieht.

         Hätten wir dies alles nur in Büchern gelesen oder in Vorlesungen gehört, wäre es wohl kaum umgesetzt worden. Balints Botschaft lebt jedoch in der Gruppe und es wäre hier Vieles über die Balint-Gruppe zu sagen. Erst dort wird die Theorie im lebendigen Austausch, in der Erfahrung der Gruppe, im Erleben unserer verschiedenen Rollen zu jener Dynamik, die die wichtige und doch begrenzte Veränderung der Persönlichkeit des Arztes, des Therapeuten, des Sozialarbeiters bewirkt. Und diese neue Sichtweise wird helfen, Ohren und Augen zu öffnen für die Wirklichkeiten, die Bedürfnisse, die Notwendigkeiten des Patienten.

         Lieber Fausto - dies sind einige Gedanken zu Deinem schönen und reichen Buch, in dem Du und Deine Mitarbeiter ein reiches Panorama von Überlegungen und Erfahrungen ausbreiten. Sie dokumentieren, wie lebendig die Impulse weiterwirken, die von Balint ausgegangen sind. Daher wünsche ich diesem Buch viele und aufmerksame Leser. Sie werden reich beschenkt werden.

 

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