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ANGST UND FASZINATION IN DER BALINTARBEIT

 

Dr. med. Clara Föhn
Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie
Walserstrasse 10, 9014 St.Gallen
Clara.Foehn@hin.ch

 

Mit diesem Referat wurden die ca 50 Teilnehmenden der 41. Silser Balint-Studienwoche (15.-21.09.2002 in Sils im Engadin) begrsst und in eine intensive Arbeitswoche eingefhrt. Die TeilnehmerInnen sind ca zu einem Drittel rzte mit unterschiedlicher Spezialisierung (Internisten, Allgemeinmediziner, Pdiater, Zahnrztinnen u.a.), zu einem Drittel Psychiater und zu einem Drittel rzte, die neben ihrer somatischen Praxisttigkeit psychotherapeutisch arbeiten (darunter vor allem Kollegen aus D). Dieses Jahr nahmen kaum psychologische Psychotherapeuten teil und leider keine Teilnehmer aus Pflege, medizinisch-therapeutischen Berufen und Seelsorge. Viele der PsychiaterkollegInnen kamen zur Aus- und Weiterbildung in Balintgruppenleitung nach Sils. Die Fallbesprechungen finden morgens in 2 Grossgruppen (eine Innengruppe von ca 8 Teilnehmern diskutieren einen Fall in Anwesenheit der Aussengruppe (alle Teilnehmer), die vom Leiter gelegentlich ins Geschehen einbezogen wird) und nachmittags in einer Kleingruppe statt. Abends werden in einer offenen Diskussionsrunde die aufgelaufenen Themen zur Sprache gebracht.

Die Referentin selber gehrt dem Leiterteam der Silserwoche an, ist Fachrztin fr Psychiatrie und Psychotherapie, arbeitet in eigener Praxis und leitet eine interdisziplinre Balintgruppe.

Beim berlegen, womit ich Sie zu unserem Seminar begrssen knnte, habe ich kurzerhand beschlossen, eine Teilnehmerin meiner Balintgruppe zu fragen, was sie denn hren mchte als Einfhrung zu einem solchen Seminar. Sie hat geantwortet, sie mchte die Versicherung haben, dass nichts Schlimmes passiert, wenn man sich hier in die Innengruppe setzt und einen Fall vorstellt. Und – sie mchte eigentlich wissen, was mich nach so langer Zeit immer noch interessiere an dieser Form der Arbeit.

Ich bin mit diesen Fragen sehr zufrieden gewesen und habe mir dazu Gedanken gemacht.

Also:
1. Was geschieht hier eigentlich und warum macht das Angst und
2. was fasziniert mich an dieser Arbeit immer noch.

Je mehr ich darber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass das Angstmachende und das Faszinierende etwas miteinander zu tun haben mssen:

Zum Angstmachenden: Ich kann mich gut erinnern, dass es Angst macht: Wie ich vor ber 20 Jahren die ersten Male – als Psychiatrieassistentin - hierher gekommen bin, habe ich mich nie in die Innengruppe zu setzen gewagt und in der Aussengruppe nie das Maul aufgemacht. Ich bin zwar manchmal fast geplatzt, weil in meinen Augen die Gruppe das Wichtigste einfach nicht sehen wollte. Ich konnte aber meinen Teil nicht einbringen, ihn somit kaum in Beziehung setzen mit dem ganzen Geschehen, und blieb in gewissem Sinn draussen. Trotzdem blieb ich dabei, war trotzdem fasziniert, konnte immer mehr Zusammenhnge erfassen und wurde - nach vielen Jahren immer aktiverer Teilnahme an Balintgruppen - paradoxerweise sogar Balintgruppenleiterin.

Was macht denn Angst? Ich setze mich in den Innenkreis, erzhle von einer Begegnung mit einem Patienten, bei dem mir auf irgendeine Weise nicht wohl gewesen ist. Der Patient, von dem ich erzhle, beschftigt mich, sonst kme er mir nicht in den Sinn, er hat ungute oder lstige Gefhle geweckt. Ich weiss, dass es auch etwas mit mir zu tun hat, ich bin irgendwie getroffen, komme nicht los davon. Wenn ich da referiere, stehe ich nicht ber der Sache, verstehe es selber noch nicht und weiss auch nicht, was ich bei der Gruppe, beim Leiter, bei der Aussengruppe auslse. Vielleicht hnliche Gefhle, wie der Patient bei mir? Wie unangenehm! Werde ich lcherlich gemacht? Entlarve ich mich als inkompetent? Wird man mich nachher noch ernst nehmen? Schliesslich habe ich einen guten Ruf zu verlieren!

Ich erzhle trotzdem, was mir von der Begegnung in Erinnerung ist. Das Erzhlte wird aufgenommen von der Gruppe, der Faden wird weitergesponnen, Fantasien tauchen auf, in Frage gestellt, ausgemalt, berraschende Aspekte dazugestellt. Pltzlich merkt man als Referent, dass man - man versteht es selber nicht – zuvor wichtige, augenfllige Seiten des Patienten oder der Beziehung nicht gesehen hat. Die unangenehmen Gefhle erhalten einen Sinn: sie sind Teil eines Beziehungs-Musters, das in der Gruppe pltzlich sichtbar wird. Ein Beziehungsmuster wird sichtbar, das unsere Erwartung, mit dem Patienten gut zusammenarbeiten zu knnen, gestrt hat. Etwas hatte zuvor fast gewaltsam von einem Besitz ergriffen, so dass man nicht mehr frei war zu sehen, zu denken und seine Arbeit zu tun. Mit Hilfe der Gruppe gelingt es einem, etwas Distanz zu finden, etwas wahrzunehmen, sich zu befreien aus der Verstrickung und – im Idealfall – vielleicht zu realisieren, dass einem der Patient auf diese Weise etwas spren lsst, was er sonst nicht ausdrcken kann, was er selber nicht erkennt. Vielleicht lsst er einen so etwas spren von dem, was sein Leben wirklich schwierig macht, etwas von dem, was er vermutlich auch sonst mit Menschen macht, mit Menschen, von denen er etwas mchte, die ihm nahe stehen, oder von denen er sich abhngig fhlt. Dann wird klar, dass die unangenehmen Gefhle, die einen dazu gebracht haben, in der Balintgruppe vorzustellen, nicht nur eine Strung darstellten, die es zu beseitigen gilt, sondern auch eine wichtige Wahrnehmung mglich machen, die helfen kann, unbewusste, averbal geusserte Schwierigkeiten von Patienten zu verstehen; Schwierigkeiten, die vermutlich auch deren Alltagsbeziehungen vergiften. Die Strung, das oft so enorm Unangenehme kann also gerade ein tieferes Verstndnis ermglichen.

Ich bin von der Angst ausgehend beim Faszinierenden gelandet: Unangenehme, zuweilen qualvolle Empfindungen dienen als Schlssel zum besseren Verstndnis.

Ein Beispiel aus meiner Praxis, das diese Verwandlung konkreter machen soll:

Es ist die allererste Patientin in meiner Praxis, nachdem ich zuvor viele Jahre als Konsiliarpsychiaterin am Spital gearbeitet habe: Sie erreicht, dass ich nach der Konsultation am liebsten meine Praxis wieder schliessen und den Beruf an den Nagel hngen mchte. Ich verstehe was passiert ist erst nach einer Besprechung in meiner Intervisionsgruppe, die „balintoid“ arbeitet. Hier kann ich mir vergegenwrtigen, was zwischen mir und der Patientin geschehen ist. Ich schaffe das erst in der Gruppe, weil das Nachdenken ber diese Stunde dermassen unangenehm war, das ich es immer wieder gelassen habe. Ich kenne die ber 60-jhrige Patientin von meiner Arbeit am Spital. Ich habe sie dort 2mal gesehen. Ich habe die Diagnose einer Depression mit Panikstrung gestellt. Ich weiss von ihr, dass sie als Kind ber lange Zeit misshandelt und missbraucht worden ist – ihre eigene Mutter spielte dabei eine zentrale Rolle. Sie hat mir diese Geschichte in der 1. Stunde anvertraut und verlangt, dass ich das nicht in ihre KG schreibe, weil das ausser ihrem frheren Psychiater und mir niemand wissen drfe. Sie wollte unbedingt weiter in meine Behandlung kommen. Die Patientin, Mutter von inzwischen mehreren erwachsenen Kindern und Grossmutter vieler Enkel tritt normalerweise als eine mdchenhafte, strahlend lchelnde Person auf, die sich gleichzeitig unterwrfig und devot benimmt; sie bietet allen ihre Hilfe an, klappt aber von Zeit zu Zeit einfach zusammen und braucht dann notfallmssig selber Hilfe (sie hat akute Hyperventilations-Anflle). Nur in der allerersten Stunde hat sich die Patientin anders verhalten, echt, so dass ich mich gut in sie einfhlen konnte. In der 2. Stunde im Spital und spter in der 1. Stunde in der Praxis war sie unnatrlich liebenswrdig, meine Praxis in den hchsten Tnen rhmend und mir dankend, dass sie kommen drfe, usw. Sie bat mich dringend um Hilfe und zwar in Form von einem „Pilleli“, damit sie wieder arbeiten knne. Das letzte Pilleli, das sie im Spital auf meine Veranlassung erhalten habe (ein Antidepressivum), habe sofort Wunder gewirkt, es sei ihr danach wunderbar gegangen. Aber spter (nach ein paar Wochen) habe das Pilleli dann allerdings geschadet, sie habe es absetzen mssen. Sie msse jetzt ein anderes haben. Alle meine Versuche, mit der Frau auf einer anderen Ebene ins Gesprch zu kommen, scheitern. Sie will nur so ein „Scheisspilleli“, von dem ich berzeugt bin, dass es ihr nichts bringt. Aber ich gebe ihr eines. Am Ende der Stunde stellt sie etwas berlegen lchelnd fest, sie hoffe, sie habe mich nicht zu sehr belastet, sodass ich meinen schweren Beruf weiter ausben knne. Ich bin hilflos wtend und fhle mich missbraucht, schme mich, dass ich mich habe hinreissen lassen, ihr in der hilflosen Wut tatschlich eine Pille zu verschreiben, die dann auch wirklich nichts gentzt hat. Zudem bin ich konsterniert, dass sie meinen Gefhlszustand so genau durchschaut hat. Ich htte am liebsten den Laden wieder geschlossen. In der Diskussion mit den Kollegen hatte ich mein AHA-Erlebnis: Zwischen uns ging es um Macht und Machtmissbrauch. Sie vermittelte mir die Gefhle, die sie mit sich seit Jahrzehnten herumtragen muss und die sie auch nicht hochkommen lassen will, weil sie unertrglich sind: Die Gefhle eines hilflosen, missbrauchten Kindes, das das machen musste, was man von ihm verlangte. Mit dieser Erkenntnis ging ich einigermassen neugierig in die nchste Sitzung. Ich entschloss mich, die Patientin in allen ihren Entscheiden zu untersttzen und besttigte, dass sie in ihrem Leben gelernt habe, sich selber zu helfen, und dass ich sie dabei allenfalls untersttzen knne; ich versuchte ihre Autonomie und Kompetenz absolut zu respektieren; damit erreichte ich zumindest, dass ich Distanz bekam und im Tter-Opfer-Muster nicht weiter mitspielte. Symptomatisch ging die Krise vorbei - wie schon oft – und wahrscheinlich nicht durch meine Hilfe. Ich bot der Patientin an, quasi prophylaktisch weiter im Gesprch zu bleiben, was sie nach einiger berlegung annahm. Bereits 2 Stunden spter berichtete sie vom Auftauchen einer unbndigen Wut ber ihre vor 4 Jahren verstorbene Mutter und darber, dass sie immer noch Mutters frchterlich nach Campher stinkende Truhe neben ihrem Bett stehen habe. Sie warf die Truhe raus und fhlte sich brenstark dabei. Damit ist sie natrlich noch nicht geheilt. Sie musste diese Gefhle auch vorbergehend bssen (mit Pseudohalluzinationen, in welchen sie ihre wtende Mutter hinter sich sah) – es ist aber etwas Stimmiges passiert – dem ich nur Platz geben konnte dank dem Wahrnehmen meiner eigenen gefhlsmssigen Reaktion in der Balintgruppe. Wenn ich nicht darber htte nachdenken knnen, htte ich die Frau mit unterdrckter Wut und Ablehnung freundlich herablassend behandelt, und damit htte ich mich– so befrchte ich – mit der Patientin im alten Muster im Kreis gedreht, und alles wre gleich geblieben.

Ich habe hier ein Beispiel gebracht als Illustration, wie die Strung der Beziehung sich in den Schlssel zum Verstndnis verwandeln kann - im Moment, in welchem ich die Angst und die Abscheu hinzuschauen berwinde und mich damit einem Prozess berlasse, von dem ich nicht zum Voraus weiss, wohin er fhren wird. 

Ich habe ein psychiatrisches Beispiel gebracht. Wir werden wahrscheinlich hier einige Flle aus der psychiatrischen und aus der psychotherapeutischen Behandlung hren. Dadurch kann eine weitere Form von Angst oder vielleicht auch Befrchtung auftauchen, nmlich, als Hausarzt, als Spezialist fr Organkrankheiten nun auch noch Psychotherapie machen zu mssen – und damit eher noch mehr belastet als entlastet zu werden. Nun ist es ja Tatsache, dass solche Verwicklungen, solche Beziehungsstrungen berall entstehen knnen, vorallem aber in Beziehungen, wo Hilfe, Abhngigkeit, Nhe (Nhe in Fantasie und Erwartung oder in Realitt) eine Rolle spielen. Also in jedem Spital, in jeder Hausarztpraxis, in jedem Helfer- oder Abhngigkeitssystem. Diese Beziehungsstrungen belasten einen sehr. Sie verhindern nmlich, dass man seine Arbeit zur eigenen Zufriedenheit machen kann. Wenn es gelingt, die Strung zu erkennen und einzuordnen, verschafft dies Luft und Spielraum. Dies ist das Ziel der Balintgruppen-Arbeit. Was wir dann weiter damit machen, ist berufsspezifisch verschieden. Psychotherapeuten/Psychoanalytiker werden den Anspruch haben, sich direkt mit der Beziehungsstrung zu befassen und damit zu arbeiten – eben psychotherapeutisch ttig zu werden. Der Hausarzt (und im obigen Fall auch ich als Psychiaterin) wird versuchen, aus der Falle auszusteigen (im Beispiel aus der Opfer-Tter-Falle, wo hilflose Opfer zu Ttern und Tter zu wtenden Opfern werden), aussteigen um zumindest nicht zu schaden und die Strung nicht noch weiter zu verstrken. Der Arzt wird dann auch klren wollen, was eigentlich der Auftrag des Patienten ist (ist es die Abklrung der Atemnot und Information darber , ist es auch eine allfllige organbezogene Behandlung/ oder mchte er mit ihm zusammen die Hintergrnde und Risikofaktoren solcher Beschwerden ausleuchten/ sucht er einen Verbndeten gegen die Welt / oder Besttigung, dass er hilfloses Opfer ist, das von der Tterumgebung krank gemacht worden ist?). Der Hausarzt (stellvertretend fr alle Helfer gemeint) wird sich erlauben, sich zu berlegen, ob er den Auftrag bernehmen kann, oder nicht, oder wie weit - und wird sich nicht in blindem Eifer an die Erfllung vermeintlicher oder unerfllbarer oder sogar schdlicher Auftrge machen. Denn das wre der direkte Weg zurck in die Falle.

Ich bin mir inzwischen sicher geworden, dass wir alle, Psychotherapeuten und Hausrzte, so erfahren wie immer wir sein mgen, uns immer wieder in solchen Beziehungsfallen wiederfinden, ohne es rechtzeitig zu merken, und froh sind um die Hilfe, dies zu erkennen. Wir werden nie gefeit sein davor. Wir werden Erfahrung sammeln knnen, solche Muster rascher zu erkennen und damit auch umzugehen aber die Gewalt, mit der man zuweilen in solche Muster hineingezogen wird, ist enorm – das erschttert mich immer wieder – am meisten wenn’s mir selber passiert.

Wir sind bei einer weiteren Befrchtung angelangt, die angesichts der Balintarbeit auftaucht, nmlich, ob dies nicht Zeitverschwendung ist und ob das berhaupt etwas ntzt. Da besuchen welche jahrelang Balintgruppen und gehen immer und immer wieder nach Sils. Knnen sie es denn immer noch nicht? Das ist doch nicht effizient! Und dann sagt sogar noch eine Leiterin, dass sie selber immer noch dieselben Fehler macht! Auf dieser oekonomischen Ebene zu argumentieren, ist mir zwar nicht so vertraut, aber umso stolzer bin ich, eine Antwort darauf zu haben. Ich wage nmlich zu behaupten, dass die Balintgruppen-Methode eine gute Mglichkeit ist, ineffiziente Behandlungen effizient zu machen. Ineffizient ist eine Behandlung z.B. dann, sagen viele Artikel in der Fachpresse und in Tageszeitungen, wenn der Patient keine „Compliance“ zeigt, wie man so schn sagt, d.h. wenn er die teuren Tabletten wegschmeisst, oder anders einnimmt als besprochen, die guten Ratschlge zur Lebensfhrung nicht befolgt, etc.- und dies alles dem Arzt nicht mitteilt, so dass dieser mit seiner Behandlung ins Leere luft. Die Zeit vergeht, die Kosten steigen, das Problem ist nicht gelst, der Arzt wird gewechselt, die gutgemeinte Psychotherapie luft sich langsam tot. Wahrscheinlich tun wir dann als Helfer eines nicht mitarbeitenden Patienten etwas, das dieser nicht will, wodurch dieser sich nicht verstanden fhlt. Jedenfalls ist die Effizienz bestimmt in Frage gestellt, wenn wir den wirklichen Auftrag des Patienten nicht erkennen. Die Compliance drfte wesentlich besser sein, wenn es gelnge, die Strungen zu erkennen und fr eine besseres Verstndnis zu ntzen oder wenn es doch zumindest gelnge, im zerstrerischen Muster nicht mitzuspielen. Und genau hier bietet sich die Balintgruppen-Arbeit als effizientes Werkzeug an.

In Anlehnung an ein hbschen Bchlein („The Doctor’s Communication Handbook“ von Peter Tate), ist man als Arzt dann effektiv, wenn man rasch den Auftrags des Patienten erkennt, wenn mglich den wirklichen – nicht nur den vermeintlichen, klrt, ob man den Auftrag annehmen kann und will oder allenfalls nur Teile davon, den Weg bespricht, wie man den Auftrag abwickeln kann - dabei ist es fr die Verstndigung wesentlich, dass man dieselbe Sprache spricht - klrt, ob man sich gegenseitig wirklich verstanden hat, und gemeinsam ein Arbeitsbndnis eingehen will.  Das sind Regeln der Kommunikation - nicht Psychoanalyse. Diese Anforderungen (Auftrag klren etc. )sind in einer ungestrten Beziehung selbstverstndlich und relativ einfach zu erfllen. Wenn dies klappt, hat man als Helfer vermutlich Spass an seiner Arbeit, zumindest erscheint sie einem sinnvoll. Das Arbeitsbndnis ist ungestrt und fruchtbar, auch wenn die Arbeit schwer und belastend sein kann; auch wenn es um bedrckende Fakten geht, trgt man es doch gemeinsam, man tut die Arbeit gemeinsam, jeder seinen Teil. Der Patient seinerseits glaubt mit Sicherheit, er habe einen guten Doktor, sogar dann, wenn er an seiner Krankheit sterben sollte und wahrscheinlich sogar dann, wenn dem Arzt Fehler unterlaufen sollten. Wenn die Beziehung hingegen gestrt ist, kann es schwierig sein, den wirklichen Auftrag des Patienten zu erkennen, man fhlt sich sofort unter Druck, in bestimmter Weise zu handeln und sich zu verhalten. Man verliert die Freiheit zu klren, was Auftrag, was eigene Mglichkeit ist, sogar ob man sich verstanden hat und ob man berhaupt zusammenarbeiten will und auf welchem Weg.
Natrlich (ich sage dies etwas am Rand) kann es zu Strungen kommen nicht nur durch den Patienten, sondern auch durch den Helfer, z.B. wenn dieser bermdet ist, sich als Opfer seiner Arbeit fhlt. Dann sehen alle Patienten gleich aus; er sieht berall dasselbe; er mag nicht mehr wirklich hinschauen und hinhren. Er verliert seine Neugierde und Offenheit.

Ich mchte zur Illustration zwei banale Beispiele erzhlen:
Eine Frau um die 50 kommt wegen Kreuzschmerzen zum Hausarzt. Dieser hrt das Wort Kreuzschmerz, denkt: Aha, sie will ihren Kreuzschmerz behandelt haben; er beginnt gleich auszufragen, wann-wie-wo-wohin und veranlasst vielleicht sogar ein bisschen contre coeur ein Rntgenbild (weil er denkt, sonst fhle sich die Frau nicht ernstgenommen) und verschreibt ein Antirheumatikum, verabschiedet die Frau und freut sich ber den speditiven Ablauf der Sprechstunde. Die Frau ihrerseits kommt in ihrer Erzhlung nicht weiter als bis zu „Kreuzschmerz“ – denkt dann, ja wenn der Arzt das so wichtig nimmt, wird es vielleicht schon was Ernstes sein und auch die Schmerzmittel passen ihr nicht ganz, aber es geht ja alles so schnell und unversehens ist sie wieder draussen – eigentlich  kommt ihr viel spter wieder in den Sinn – htte sie darber sprechen wollen, dass ihr die Pflege der Schwiegermutter im selben Haus langsam zu viel wird und wollte mit dem Arzt besprechen, was er dazu meine, was man tun knnte etc. Sie hat es whrend der Konsultation vllig vergessen. Sie denkt spter, der Arzt wollte ihr vielleicht indirekt sagen, sie solle sich nicht so haben, sie knne ja ein Schmerzmittel nehmen, dann halte sie das mit der Schwiegermutter schon noch aus. Eskalation der Missverstndnisse. Diese Frau war auch meine Patientin – ihr Anteil an den Missverstndnissen lag sicherlich auch darin, dass sie wegen Schuldgefhlen nicht zu sagen wagte, die Schwiegermutter sei ein Problem, sondern vor sich und dem Hausarzt die Kreuzschmerzen als Rechtfertigung brauchte.

Ein anderes Beispiel: Eine Frau um die 50 kommt zum Gynkologen wegen Menorhagien. Er stellt Myome fest und empfiehlt die Hysterektomie. Die Patientin ist medizinisch interessiert, hat schon viel ber die Folgen von Hysterektomien gelesen und mchte wissen, wie das mit der sexuellen Empfindungsfhigkeit sei, wenn die ganze Gebrmutter mit Muttermund entfernt werde. Sie fragt nun, ob man nicht den Muttermund belassen knnte. Dies wird vom Arzt als unsinnig abgetan und die Frage als Ausdruck einer bermssigen Angst vor der Operation interpretiert. Er spricht die Patientin ohne Rckfrage, was hinter ihrer Frage stecke, auf ihre psychische Belastungsfhigkeit an; ob sie durch die bevorstehende Menopause in seelische Schwierigkeiten gerate; wenn ja brauche sie vielleicht seelische Untersttzung nach der Operation, die aber trotz ihrer Angst indiziert sei wegen der Grsse des Myoms. Die Patientin ist frustriert, holt sich die Information anderswo, lsst sich operieren, aber von einem anderen Arzt und versucht in Zukunft weitere Arztbesuche wo mglich zu vermeiden. Sie hat die Frage als Grenzberschreitung erlebt, als Lcherlichmachen eines ihr ganz normal erscheinenden Informationsbedrfnisses.

Dies sind 2 Beispiele fr missglckte Auftragsklrungen, die Anlass oder Folge einer Beziehungsstrung sein knnen. Ob nun der Arzt durch seine Unaufmerksamkeit die Beziehungsstrung verursacht oder ob er durch averbale Mitteilungen der Patientin zu diesem Handeln verleitet worden ist, knnte uns der Arzt, der uns den Fall in einer Balintgruppe vorstellt, erzhlen.

Mein Balintgruppen-Mitglied hat mich gefragt, was mich denn nach so langer Zeit Balintgruppenarbeit immer noch fasziniere. Vieles dazu habe ich eigentlich bereits gesagt in meinen berlegungen zu der Frage, „was macht denn Angst zu Beginn einer Silser-Woche“.

Faszinierend ist, dass es in der Balintgruppen-Arbeit um ganz grundlegende Dinge geht, die wir in der Alltagssprache beschreiben knnen, die wir alle kennen, die elementar, erfahrbar, bodenstndig sind; wir mssen sie nur wahrzunehmen wagen. Es geht darum wahrzunehmen wie wir uns fhlen dem Patienten gegenber, damit wir unsere Beziehung zum Patienten und dessen Beziehung zu uns sehen, reflektieren und wenn ntig klren knnen. Es geht nicht nicht um „richtige fachspezifische Behandlung“. Dies ist wichtiges Thema der verschiedenen Berufe und gehrt nicht hierher. Bei ungestrter Beziehung knnen wir uns als rzte z.B. ganz der richtigen Krankheitsbehandlung widmen, als Lehrer der Lehre, als Seelsorger der Seelsorge. Wenn die Beziehung gestrt ist, bewirkt die beste Behandlungsabsicht unvorhersehbare, unerwnschte Nebenwirkungen. Die Strung wirkt sich aus auf uns als Person, auf unser Befinden. Wir sind als Personen Wahrnehmungorgan von Strung. Wir reagieren instinktiv auf eine Diskrepanz zwischen Wort und averbalem Ausdruck unseres Gegenbers, ob wir es wahrnehmen wollen oder nicht. Es wird uns unbehaglich, wir gehen in „Achtung Vorsicht-Stellung“, werden defensiv oder lassen uns unbewusst verfhren und fhlen uns high als der beste Partner, die beste Mutter unseres Gegenbers (jedenfalls eine Zeitlang). Um uns als Wahrnehmungsorgan benutzen zu knnen, mssten wir offen sein – auch uns selber gegenber – die eigene Reaktion wahrnehmen, dazu stehen, sie als potentiell wichtig betrachten, auch wenn wir sie vorerst nicht verstehen, und wir uns evt. schmen dafr, sie fr unprofessionell etc. halten.

Es braucht auch Mut, diesen Prozess hier in einer gewissen ffentlichkeit geschehen zu lassen, sich einem Prozess in sich und in der Gruppe zu berlassen, im Vertrauen darauf, dass solche Prozesse eine eigene Richtigkeit haben und im Vertrauen darauf, dass die Mitspieler wissen, dass wir uns hier persnlich exponieren mit Dingen, die wir sonst so eher nicht zeigen, dass sie grundstzlich respektvoll damit umgehen, obwohl in diesem Prozess auch ganz unangenehme, bedrohlich scheinende Gefhle ausbrechen und somit in der Gruppe auch Ausdruck finden knnen, wie Wut, Hass, Verachtung, Ekel, Scham. Wenn der Ausdruck solcher Gefhle mglich ist, ist unser Klima, das wir miteinander schaffen, wahrscheinlich ein Gnstiges, aber manchmal schwer ertrglich. In der Gruppenarbeit ist die „Bedienungsanleitung“ fr solche Gefhle: sie ussern und dem Gruppenprozess anvertrauen, in welchem sie sich dann auch weiterentwickeln knnen. Wenn sie nach der Gruppenarbeit anhalten, ist es gnstig, sich mit andern, die den gleichen Prozess ja auch miterlebt haben, kurzzuschliessen und eher keine Gefhlsabszesse entstehen zu lassen. Im Gruppenprozess (vorallem wenn dieser erkannt und sichtbar gemacht werden kann – was unsere Hauptaufgabe als Leiter ist) knnen sich solche Gefhle in Erkennen von Mustern und Verstndnis fr die Situation des Patienten verwandeln. - Zu erleben, dass gerade die mhseligen Gefhle und Verstrickungen uns zu einem besseren und befreienden Verstndnis verhelfen, sofern wir diese ernst nehmen und hinschauen, das ist das eigentlich Faszinierende, das mich ber Jahrzehnte bei der Stange hlt.

Es ist mir aufgefallen, dass ich beim Schreiben ber die Angst beim Faszinierenden gelandet bin und beim Schreiben ber das Faszinierende bei der Angst. Sind Angst und Faszination 2 Seiten derselben Medaille?

Ich mchte zum Schluss auf mgliche Beziehungsstrungen zu sprechen kommen, die wir mit grosser Wahrscheinlichkeit auch hier in der Gruppe erleben werden. Mit Sicherheit wird es uns nicht – nicht immer – gelingen, eine vorgestellte Beziehung ganz zu verstehen, die unguten Gefhle ganz aufzulsen. Oft ist es so, dass der Referent zwar etwas Wichtiges erkannt hat - es aber fr die Gruppe zu wenig klar geworden ist, sodass mhsame Gefhle die Gruppensitzung berdauern. Es wird auch geschehen, dass wir Leiter nicht klar sehen oder allenfalls nur Bruckstcke erkennen. Es kann dann in der Gruppe und auch in der Grossgruppe so etwas entstehen, das wir gut kennen von unserem Umgang mit sogenannt schwierigen Patienten, die wir nicht (noch nicht) verstehen knnen: Wir finden sie bld, unbegabt, unfhig, lstig, zum davonlaufen – wie auch immer. Der Referent oder andere Gruppenmitglieder, die sich exponiert haben, oder auch der Leiter knnen sich vorbergehend in der Rolle des schwierigen Patienten wiederfinden (subjektiv oder objektiv) und darunter leiden. Schieben Sie’s auf den Prozess und glauben Sie daran, dass es weiter geht, vorallem wenn sie keinen „Gefhlsabszess“ entstehen lassen und sich mitteilen. Erfahrungsgemss ist es keine Katastrophe, wenn wir unvollkommen sind und nicht alles verstehen und lsen knnen – der Prozess kann hier eine Woche lang weitergehen – sei es mit den neu vorgestellten Fllen, die etwas vom Ungelsten wieder aufnehmen, sei es in den Abenddiskussionen, sei es in den informellen Gesprchen zwischendurch.

Dieser sich ber eine Woche entwickelnde Gruppenprozess bietet eine zustzliche Chance: Wir knnen den Gruppenprozess (unter den Leitern, unter den Teilnehmer und zwischen Leitern und Teilnehmern) als weitere Spiegelungsebene der von der Reihe der Flle ausgelsten Problematik betrachten. So knnen wir einerseits diese noch klarer verstehen und andererseits fhlen wir uns in diesem Gruppenprozess ganz aktuell und persnlich involviert. Dies bietet die Chance, einiges ber sich selber und seine Neigung so und nicht anders zu reagieren, zu sehen und ein Stck Selbsterfahrung mitzunehmen. Dies gilt fr Leiter wie Teilnehmer.

Ich wnsche Ihnen und mir faszinierendes Arbeiten im mutigen Umgang mit der Angst.

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