| Homepage | Suva-Frühjahrstagung
der VM-Ärztinnen und Ärzte, Nottwil, 19.04.2005 Dr. med.
Heinrich Egli, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
Liebe Kolleginnen und Kollegen Ich danke den Organisatorinnen und
Organisatoren dieser Tagung für die Einladung, über das Balint-Netzwerk in der Schweiz
zu sprechen. Ich freue mich, 45 min zur Verfügung zu haben, sodass ich etwas weiter
ausholen kann. Ich hoffe, mit meinem Vortrag auf Balint-Arbeit neugierig machen zu
können. Das ist nicht ganz einfach. Balint-Arbeit wird nicht durch Wissensvermittlung in
einem Vortrag erlernt, sondern Balintarbeit ist etwas wie eine Berufslehre, die beim
Ausüben erlernt wird. Und ich kann Sie wohl auch nicht einfach vom Wert der Balintarbeit
überzeugen mit der Mitteilung, dass mir die Balint-Arbeit so wichtig ist, dass ich auf
meinen heutigen 65. Geburtstag nicht ein grosses Fest vorbereitet habe, sondern diesen
Vortrag. Ich möchte mit einem kleinen
Experiment beginnen, das zeigen sollte, dass unsere Wahrnehmung sehr fehleranfällig ist
und dass eine Lehre, ein Training im Schulen der Wahrnehmung, sehr Sinn macht. Auf dem
folgenden Film sehen Sie zwei Mannschaften, eine Mannschaft mit weissen T-Shirts, die
andere Mannschaft mit schwarzen T-Shirts. Jede Mannschaft hat einen Ball, der wie im
Basketball zwischen den Spielern hin und her gespielt wird. Versuchen sie zu zählen, wie
viele Ballwechsel vom einen zu einem nächsten Spieler in der weissen Mannschaft
vorkommen. Versuchen Sie, sich zu konzentrieren und still zu sein, um die Konzentration
ihrer Nachbarn nicht zu stören. Vous
allez voir un film avec deux teams. Un team porte des T-shirts blanc, lautre team
porte des T-shirts noir. Jaque team a une balle qui est jouée comme au basket-ball entre
les joueurs. Essayez de conter combien de temps la balle est passé dun joueur à un
autre dans le team blanc. Essayez de vous concentrer e de rester muet pour ne pas
déranger la concentration de vos voisins. Film http://viscog.beckman.uiuc.edu/grafs/demos/15.html Wie viele Ballwechsel haben Sie
gezählt? Die Instruktion hat gelautet, sich zu konzentrieren und zu zählen. Ich zeige
jetzt den gleichen Film nochmals mit der Instruktion, einfach aufmerksam zu sein, was es
zu sehen gibt. Film Wer hat den Gorilla schon beim ersten
Mal gesehen, wer hat keinen Gorilla gesehen? Es gibt sehr viele solche Experimente zu
inattentional blindness. Ich hoffe, das Experiment gibt einen Eindruck davon, dass wir
etwas Wichtiges übersehen können, wenn wir uns sehr auf vorgegebene Aspekte
konzentrieren. Das Experiment ist auch eine Illustration zum wesentlichen Schritt, der zur
Geburt der Balint-Arbeit geführt hat. Michael Balint hat schon in seiner Heimat Ungarn
Seminare mit Hausärzten geführt, aber noch nicht mit dem Aha-Erlebnis, das dann später
in England erfolgt ist. In Ungarn hat er noch mehr das Ziel gehabt, den Hausärzten
psychoanalytisches Wissen zu vermitteln. Vor allem aber ist die Arbeit behindert worden,
weil in jeder Sitzung ein Aufpasser der Geheimpolizei dabei war, weshalb er diese Gruppen
1937 auch aufgegeben hat (Moreau, S.42,S.103). In England hat er dann zusammen mit seiner
Frau Enid eine Gruppe mit Sozialarbeitern geführt und hat dabei den Vorschlag gemacht,
bei den Fallbesprechungen auf schriftliche Unterlagen und Vorbereitungen zu verzichten
(Moreau, S.171). Loszulassen war so fruchtbar, dass er das weitergeführt hat in der
Arbeit mit Hausärzten.
Folie 2: http://www.vision3d.com/sghidden/saturn.html
Vielleicht erinnern Sie sich an ein
ähnliches Aha-Erlebnis, wenn Sie in so einem zweidimensionalen Bild plötzlich eine
dreidimensionale Struktur gesehen haben, was auch nur gelingt, wenn man nicht fixiert,
sondern loslässt, in die Ferne blickt. Leider kann ich das mit dem Beamer nicht
demonstrieren. Dieses Loslassen, sich nicht an
vorgegebene Unterlagen zu klammern, sich nicht an eine vorgegebene Fragestellung zu
halten, sondern in der Gruppenarbeit Geschichten sich entwickeln lassen, Gespräche sich
entwickeln lassen, ist ein wesentlicher Aspekt der Balintarbeit geblieben. Das ist in
unserer Kultur ein Fremdkörper. Wir haben ja dauernd eine Geheimpolizei im Hinterkopf,
die uns kontrolliert, ob wir rasch arbeiten, effizient sind und nach den modernen
wissenschaftlichen Methoden arbeiten. Und in der Diagnostik sind diese modernen Methoden
eine operationale Diagnostik, in der nach vorgegebenen Kriterien gesucht und gezählt
werden muss. Bei Untersuchungen des ärztlichen Gesprächsverhaltens zeigt es sich dann
auch, dass Ärzte in der Regel nicht loslassen, kein Gespräch sind entwickeln lassen,
sondern nach wenigen Sekunden ihre Patienten unterbrechen und gezielte Fragen stellen. Die Balintarbeit stellt nun keine
Forderung auf, wie Ärzte sich im Gespräch verhalten sollten, sondern sie interessiert
sich für die Beziehung zwischen Arzt und Patient, interessiert sich für die
Auswirkungen, wenn z.B. Patienten oder eine Erzählung rasch mit präzisierenden Fragen
unterbrochen werden. Ich möchte das an einem Beispiel etwas ausführlicher zeigen. Eine Ärztin hat einmal in
einer Balintgruppe eine Geschichte erzählt von einer Patientin, die sie über einige
Jahre in grösseren Abständen immer wieder gesehen hat und von der sie erfahren hat, dass
die Patientin als Kind sexuell missbraucht worden war. Sie erzählte die Geschichte, weil
sie sich bei der letzten Konsultation plötzlich so schlecht gefühlt hatte, dass sie das
Sprechzimmer vorübergehend hatte verlassen müssen. Seither hat sich die Patientin nie
mehr bei ihr gemeldet. Wirklich spannend wird
Balintarbeit, wenn sich in den Gruppensitzungen etwas ereignet, das erlebbar die erzählte
Geschichte verdeutlicht. In dieser Sitzung unterbrach die Leiterin recht früh die
Erzählung und bat, die Erzählerin möge doch rascher sagen, weshalb sie ihre Geschichte
erzähle und was ihre Frage an die Gruppe sei. Ich als Teilnehmer erlebte das als
unangenehme Unterbrechung, wie wenn ein Zuhörer im Grunde nicht interessiert ist. Das Gruppengespräch
führte dann zu einem viel tieferen Verständnis dieser Geschichte: Bevor die Ärztin das
Sprechzimmer hatte verlassen müssen, hatte die Patientin nicht nur nochmals vom sexuellen
Missbrauch in der Kindheit erzählt, sondern sie hatte präzisiert, schlimmer als der
Missbrauch sei anschliessend das Erlebnis gewesen, dass ihre Mutter nichts habe davon
hören wollen. In der Gruppe hat sich diese Geschichte zwischen einer wohl überforderten
Mutter, die nicht hören will, und der Tochter gleich in mehrfacher Weise gespiegelt: Die
Ärztin hatte ihre Geschichte damit eingeleitet, dass es ihr bei dieser letzten
Konsultation nicht gut gegangen sei, dass sie überlastet gewesen sei. Deshalb sei es ihr
wohl zuviel geworden und habe sie die Gesprächssituation verlassen müssen. Für die
Patientin war das wohl eine Wiederholung des früheren Traumas, dass die Mutter nicht
hören will. Und die Leiterin der Gruppe erklärte bei der Diskussion über den Verlauf
der Sitzung ihr frühes Unterbrechen zum Teil mit den gleichen Worten: sie sei in dieser
Abendsitzung vom Tag noch zu sehr beschäftigt gewesen und hätte eigentlich gar nicht
eine Gruppensitzung leiten wollen. Und ich erlebte das frühe Unterbrechen der Leiterin ja
ähnlich wie das Kind, dessen Mutter nicht hören will. Im Titel meines Vortrags
wird Balintarbeit und die Schweiz erwähnt. Ich möchte jetzt über die Grossgruppen
sprechen, einen Aspekt der Balintarbeit, der mit der Schweiz verbunden ist. Balintarbeit
ist im wesentlichen eine Arbeit in regelmässig stattfindenden Kleingruppen. Nach der
Publikation des Buches von Michael Balint The doctor, his patient and the
illness 1957 ist rasch weltweit Interesse an seiner Arbeit entstanden. Etwa 1963 ist Michael
Balint dann von Boris Luban-Plozza eingeladen worden, an der Studientagung der
Schweizerischen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin in Sils im Engadin seine
Methode zu demonstrieren. Da über 100 Teilnehmer an dieser Tagung waren, hat Balint seine
Arbeitsweise gezeigt in einer Grossgruppe mit einem Innenkreis, der normal Balintarbeit
leistet, und einem Aussenkreis bestehend aus den übrigen Teilnehmern. Er hat den
Aussenkreis zeitweise in die Diskussion einbezogen, was sich als so fruchtbar erwiesen
hat, dass diese Arbeit in Grossgruppen mit Innen- und Aussenkreis seither ein wichtiger
Teil von Balinttagungen geblieben ist. Die Arbeit mit Balint hat die damaligen
Seminarteilnehmer so überzeugt, dass diese Studientagung seither regelmässig weiter
durchgeführt wurde und die Tagung dieses Jahr unter dem Namen Silser Balint-Studienwoche
zum 44. Mal stattfindet. Balinttagungen wie Sils
sind nun wie ein Labor, in denen sich Aspekte der Balintarbeit besonders deutlich zeigen
können. Sie bieten eine zusätzliche Chance, die Wechselwirkung zwischen der Geschichte
der Tagung oder einer Kultur oder einem Klima und den einzelnen Fallgeschichten zu sehen.
Besonders eindrücklich war das im Jahre 2001, als die Tagung wenige Tage nach dem 11.
September stattfand. Es bestand von Anfang an ein Klima der Gefahr und ein Bemühen,
mögliche Gefahren abzuwenden, in einem Bild, es wurde immer versucht, Lawinenverbauungen
zu errichten. Ich habe die erste freie Abenddiskussion geleitet und gespürt, dass diese
Abenddiskussion jetzt nicht als ganz freie Diskussion zugelassen werden kann, sondern eine
deklarierte Aufgabe braucht. Es gab in dieser Diskussion Angriffe auf die Leitung, mit dem
Vorwurf, dass in der Gruppeneinteilung enge Regeln eingehalten worden waren. Es wurde aber
auch Verständnis geäussert, dass in diesem Klima nach den Terroranschlägen so enge
Regeln verständlich seien. Auch die Fallgeschichten drehten sich dann alle um dieses
Thema einer Gefährdung durch eine unberechenbare Gewalt und dem Versuch, vorzubeugen,
sich zu schützen, Lawinenverbauungen zu erstellen. Am krassesten war die Geschichte eines
schizophrenen Mörders, der nach Haftentlassung von einer Theologin weiter betreut wurde,
und wo die ganze Gruppe vor allem die Angst zum Ausdruck brachte, der Patient sei weiter
unberechenbar, gefährlich und auf die Therapeutin eingeredet wurde, sie müsse auch
Lawinenverbauungen errichten, sich müsse sich Supervision verschaffen, sie müsse dafür
sorgen, dass der Patient stationär behandelt werde, oder sie müsse die Behandlung ganz
abgeben. Wenn wir in unserer Angst vor Terroristen blind agieren, laufen wir Gefahr,
gerade damit Gewaltausbrüche auszulösen. Es könnte z.B. gut sein, dass dieser Patient
erst wieder gefährlich würde, wenn er sich von seiner Betreuerin abgelehnt fühlen
würde. Es ist deshalb entscheidend wichtig zu realisieren, dass wir in einer Geschichte
stecken, die z.B. Angst und das Bedürfnis nach Lawinenverbauungen auslöst. So ein Thema wie die Angst
nach den Terroranschlägen kann im Verlauf einer Woche von Fallgeschichte zu
Fallgeschichte variiert werden und sich entwickeln. Ich habe das in einem Vortrag mit dem
Titel Zum Beispiel Vatermord (Egli, 2004) ausführlicher dargestellt. Wie aus
dem Titel ersichtlich, ging es auch um ein aggressives Thema, um Auseinandersetzung mit
Autorität. Das Thema war zuerst nur in Andeutungen sichtbar, z.B. mit einer ersten
Fallgeschichte, in der ein im Hintergrund tätiger Heilpraktiker eine zahnärztliche
Behandlung sabotierte und es ausgeschlossen schien, sich mit ihm auseinanderzusetzen.
Später gab es deutliche aggressive Auseinandersetzungen mit Autoritätspersonen, z.B.
eine Frau, die ihrem Vater sexuellen Missbrauch in der Kindheit vorwarf. Die
Auseinandersetzung erfolgte auch in der Sitzung selbst. Die Zuhörer fühlten sich vom
vorstellenden Arzt manipuliert, ärgerten sich und es wurde geäussert, er stürze wie von
einem Sockel. Am Schluss der Tagung entstand eine spielerisch-befreite Stimmung. Die
Tagung wurde verglichen mit einem Flug durch Turbulenzen und es wurde gelobt, dass die
Verbindung vom Passagierraum zum Cockpit immer offen gewesen sei. Es wurde geäussert,
Balintarbeit sei gefährlich, aber nicht lebensgefährlich, oder es wurde empfohlen, wir
sollten der Ankündigung der Tagung die Warnung beifügen: "Balintarbeit kann ihr
seelisches Gleichgewicht beeinträchtigen!" Meistens sind die äusseren Umstände
einer Balintarbeit nicht so auffällig wie nach dem 11. September, die Umstände sind
meistens ein gewohnter Rahmen, unsere Gewohnheiten, die uns gar nicht auffallen. Unsere
Gewohnheiten und deren Auswirkung auf unser Handeln kann in verschiedener Art beschrieben
werden. Eine Art ist neurowissenschaftlich (Koukkou 1998a, 1998 b): In vertrauter Umgebung können
Auslöser, die ebenfalls als vertraut kategorisiert wurden, automatisiertes Verhalten
initiieren. Dieses Kategorisieren der Auslöser geschieht präattentiv, das heisst, ohne
dass es uns bewusst ist. Die informationsverarbeitenden Hirnprozesse ergänzen in
vertrauter Umgebung fehlende, aber eigentlich dazugehörende Teile eines Ereignisses auf
der Basis des früher erworbenen Wissens. Sie vernachlässigen kleine Unterschiede in der
Information oder im Kontext, sodass die gewohnte Konstellation der Ereignisse
identifiziert wird und mit dem automatisierten Verhaltensmuster beantwortet wird. Der automatische
Informationsverarbeitungsmodus besteht aus Prozessen, die nach grosser
individueller Erfahrung und Übung ohne bewusste Kontrolle ablaufen. Ein einfaches
Beispiel für einen automatisierten Ablauf ist das Autofahren, wenn man es gut beherrscht.
Die automatisierten Prozesse können auch in Gedanken oder Emotionen bestehen. Die
automatisierten Abläufe sind sehr wertvoll, ohne automatisierte Abläufe könnten wir
unsere Arbeit nicht tun und nicht technische Sportarten ausüben. Man wird sich
automatisierter Abläufe manchmal bewusst, wenn die Abläufe unangepasst waren, zum
Beispiel, wenn man nach einem Umzug automatisch den Weg zur früheren Wohnung
eingeschlagen hat. Meistens ist es aber nicht so offensichtlich, dass das automatisierte
Verhalten nicht adäquat ist, dass wir gewissermassen umgezogen sind und trotzdem noch die
alten Trampelpfade gehen. Wenn ein Individuum maladaptives Wissen erworben hat, zum
Beispiel, dass Beziehungspersonen vorwurfsvoll sind, dann kann es immer wieder
(präattentiv, unbewusst) Verhalten von Bezugspersonen als vorwurfsvoll interpretieren und
entsprechend automatisch darauf reagieren. Wir können also auch leiden an unseren
automatisierten Verhaltensweisen. Eine andere Art, Gewohnheit zu
beschreiben, versucht die Zürcher Psychologin Vera Saller, die mit türkischen Patienten
arbeitet. Sie beschreibt kulturell festgelegte Erlebnisweisen als habituelles Unbewusstes,
z.B. die Erklärung von Beschwerden durch Verhexung (Saller, 2004). Ich kann das
vielleicht mit einem eigenen Patienten illustrieren. Der türkische Patient ist mit 15
Jahren in die Schweiz gekommen, ist verheiratet, hat zwei Töchter und einen Sohn. Er hat
als Metzger gearbeitet, ist gut integriert, spricht recht gut Deutsch, er hat das
Schweizer Bürgerrecht erworben. Er ist gläubiger Muslim und trotz seiner guten
Integration in der Schweiz ist er sehr in der bäuerlichen Kultur seines Herkunftsortes
verwurzelt. Vor 6 Jahren hat er eine Wallfahrt nach Mekka machen wollen und hat
traditioneller Weise kurz vor der Abreise ein grosses Fest gegeben. Gerade zu diesem
Zeitpunkt ist die älteste, damals knapp 20-jährige Tochter plötzlich von zuhause
ausgezogen zu einer Freundin. Der Patient musste am Fest allen etwas vorlügen, weshalb
die Tochter nicht hier ist, und etwa über eine Woche suchte er die Tochter, mit einem
Metzgermesser bewaffnet und der festen Absicht, sie zu töten. Er fand sie
glücklicherweise nicht, die Tochter kam dann auch wieder heim, er erkrankte aber ein
halbes Jahr später, wurde bald voll invalid und schrieb selbst seine Krankheit der
damaligen Belastung zu. Bei den ersten Gesprächen war deutlich, dass er sehr wohl wusste,
dass sein Impuls, die Tochter zu töten, für Schweizer unverständlich sein muss. Er war
auch selbst jetzt froh, dass es nicht zur Tötung gekommen war. Es war für ihn aber
weiter selbstverständlich, dass er in seiner Kultur für seine Tochter verantwortlich ist
und dass seine Ehre zerstört ist, wenn eine Tochter vor der Heirat das Elternhaus
verlässt. Im Verlauf einer längeren psychotherapeutischen Behandlung schilderte er dann,
dass er ja auch ganz andere Werte hat. Er erzählte, wie wichtig ihm der religiöse Glaube
ist, dass Islam Friede bedeute, dass der Koran das Töten
untersage und dass für Allah Geduld sehr gottgefällig sei. Der Gegensatz zwischen seinen
kulturellen und religiösen Werten fiel ihm aber nicht auf, er war ganz überrascht, als
ich darauf hinwies. Und bei der nächsten Gelegenheit, als er meinte, es mache jemand eine
Anspielung auf das damalige Vorkommnis, wurde er wieder aufgeregt, wie wenn erneut seine
Ehre bedroht wäre. Wir können uns nun überlegen, in was
für einem Rahmen, in welcher Kultur, in welchem Klima wir hier Balintarbeit machen
werden. Ich kenne diesen Rahmen nicht näher, ich kann nur versuchen, durch Beschreibung
des Zustandekommens unserer Vorträge und unserer Gruppenarbeit nach Hinweisen zu suchen.
Es war Management by e-Mail und das erste e-Mail lautete, dass eine halbtägige
Fortbildung um Verständigung zwischen Kreisärzten der Suva und Versicherten
durchgeführt werden soll. Es seien Referate vorgesehen und anschliessend würden die
Kreisärzte für Balintarbeit in regionale Gruppen aufgeteilt. Es wurde ein Honorar in
Aussicht gestellt, das mir für diesen Halbtag adäquat erschien. Im zweiten e-Mail wurden
Titel für die drei Referate vorgeschlagen und erwähnt, dass die Balintgruppen am
nächsten Morgen stattfinden würden. Das dritte e-Mail war der Programmentwurf der
Frühjahrstagung, jetzt mit einem viermal höheren Honorar für die zweitägige Tagung. Im
vierten e-Mail folgte das definitive Programm und die Bekanntgabe, dass zu vier bereits
festgelegten Daten im weiteren Verlauf des Jahres Nachmittage mit Balintarbeit der
regionalen Gruppen unter unserer Leitung festgelegt worden seien. Wir wurden aufgefordert,
uns diese Termine zu reservieren und uns zu melden, falls uns Daten nicht zusagten. Meine
Antworten bestanden meistens in einer Entschuldigung, dass ich lang nicht geantwortet
hätte, und Zustimmung. Ich habe nie Anlass gehabt, zu
protestieren, denn ich finde das Ziel, eine Fortbildung über die Verständigung zwischen
Kreisärzten und Versicherten, sehr sinnvoll. Ich finde das Mittel, die Balintarbeit,
diesem Ziel sehr angemessen. Es ist sehr sinnvoll, nicht nur eine einmalige Balint-Sitzung
durchzuführen, sondern wiederholte Sitzungen. Mit einem grosszügigen Honorar habe ich
keinen Grund, mich übervorteilt zu fühlen. Die Veranstalter erscheinen also als sehr
kompetent und effizient. Vielleicht fällt mir dieses Management nur als fremde Kultur
auf, weil ich fast nur mit Patienten und Gruppen zu tun habe, die freiwillig
zusammenkommen und mit denen in der Regel der Rahmen der Zusammenarbeit gemeinsam
ausgehandelt werden muss. Ich könnte mir vorstellen, dass die Kultur, die sich in diesem
Management zeigt, sich auch in den Fallbesprechungen zeigen könnte. Versicherte sind ja
auch nicht wie Patienten, die aus eigenem Antrieb kommen und mit denen Lösungen gemeinsam
gesucht werden müssen. Über Versicherte muss ja oft einfach entschieden werden. Ich bin
auf alle Fälle neugierig auf die Gruppenarbeit, die sich hier ergeben wird. Ich bin von der Geschichte der Balintarbeit in der Schweiz auf die Grossgruppen zu sprechen gekommen und dadurch auf die Auswirkung von Kontext, Klima oder Kultur auf die Gruppenarbeit. Ich möchte jetzt mit der Geschichte der Balintarbeit in der Schweiz weiterfahren und erzählen, wie eine Art Netzwerk entstanden ist.
Folie 3
Folie 4 Die Silser Studienwoche war der
wichtigste Ausgangspunkt für die Verbreitung der Balintarbeit in der Schweiz. Es gab eine
erste Generation von Balintgruppenleitern, die noch Balint bei seinen wiederholten
Teilnahmen in Sils bis zu seinem Tod 1970 erlebt haben. Diese Balintgruppenleiter haben
dann auch Balintgruppen in der ganzen Schweiz geführt. In Sils kann gewissermassen eine
Lehre als Balintgruppenleiter absolviert werden, indem jemand mehrmals als Co-Leiter an
der Tagung teilnimmt. Viele Balintgruppenleiter in der Schweiz haben diese Ausbildung
absolviert. Die Silser Studienwoche ist über Jahrzehnte im Namen der Schweizerischen
Gesellschaft für Psychosomatische Medizin durchgeführt worden. Von Balintgruppenleitern,
die in Sils ihre Ausbildung absolviert haben und dann selbst ins Leiterteam von Sils
gekommen sind, ist dann 1999 die Initiative zur Gründung der Schweizerischen
Balintgesellschaft gekommen. Die jetzt 45 Mitglieder der Schweizerischen
Balintgesellschaft stammen zu einem grösseren Teil aus dem Kreis der Balintgruppenleiter,
die in Sils ihre Ausbildung absolviert haben.
Folie 5 Die Silser Studienwoche hat auch eine
kleine Schwester bekommen, die interdisziplinären Balint-Tage auf Wartensee, die dieses
Jahr zum 6. Mal durchgeführt werden. Es ist die kleine Schwester, weil die Silser
Balint-Studienwoche jeweils eine ganze Woche dauert, die Tagung auf Wartensee nur von
Donnerstag bis Samstag. Die Silser Studienwoche hat auch Ausstrahlungen nach Deutschland
gehabt. Balintgruppenleiter aus Sils waren beteiligt an der Durchführung einer ersten
Balinttagung im Harz, die seither ebenfalls regelmässig durchgeführt wird, dieses Jahr
zum 31. Mal. Die Balintarbeit hat sich auf der ganzen Welt verbreitet. 1967 wurde in
Frankreich eine erste nationale Balintgesellschaft gegründet. 1975 wurde eine
internationale Balint-Föderation gegründet mit jetzt 21 beitragszahlenden
Mitgliederländern.
Folie 6 In vielen Ländern gibt es neben den
Kleingruppen auch Balint-Tagungen, erwähnen möchte ich noch die
französisch-schweizerischen JOURNEES BALINT
DANNECY Eine internationale Vernetzung durch
die internationalen Balintkongresse oder auch durch den regelmässigen Austausch von
Leitern zwischen der deutschen Balinttagung im Harz und der Balintwoche in Sils haben
dabei u.a. die Funktion, uns auf unsere eigenen, als selbstverständlich erlebten
Gewohnheiten aufmerksam zu machen. Die Arbeit in Grossgruppen mit Innen- und Aussenkreis,
die uns so wertvoll erscheint, spielt offenbar in Frankreich und England keine grosse
Rolle, hat zum Teil einen schlechten Ruf. Balintgruppenleiter haben auch unterschiedliche
Gewohnheiten beim Leiten. In einer Balintsitzung erzählt ja ein Teilnehmer frei von einer
Geschichte, die er mit einem Patienten oder einer Patientin erlebt hat und anschliessend
erfolgt eine freie Diskussion. Vor allem deutsche Balintgruppenleiter haben oft die
Gewohnheit, nach der Präsentation der Fallgeschichte noch ein paar Verständnisfragen von
der Gruppe an den Vorstellenden zuzulassen und dann diesen aufzufordern, sich
zurückzulehnen und nichts mehr zu sagen. Das kann als ein Element einer autoritär
durchgeführten Technik wirken und ein Loslassen behindern. Das Loslassen kann anderseits
auch dadurch behindert werden, dass Teilnehmer einen Vorstellenden mit Fragen
bombardieren, statt neugierig zu sein auf das, was von innen kommt, auf die Auslöser
dieser Fragen. Ich möchte jetzt noch
konkreter über unsere Bestrebungen, ein Netzwerk zu bilden, sprechen. Die Zielsetzungen
der Schweizerische Balintgesellschaft sind: a)
Qualitätsförderung
der Balint-Gruppenleitung in der Schweiz b)
Angebot
entsprechender Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten c)
Pflege des Kontaktes zu
Gesellschaften, welche im Bereich der psychosomatischen und psychosozialen Medizin, sowie
in verwandten Bereichen auf nationaler und internationaler Ebene tätig sind. Wir haben eine Website: www.balint.ch, auf der es eine Liste von Balintgruppen in der Schweiz gibt. Wir haben auch die Liste der Personen veröffentlicht, die wir zur Fortbildung einladen. Das sind ja potentielle Balintgruppenleiter und können bei Interesse an der Gründung einer neuen Balintgruppe angefragt werden. Wir publizieren Literatur über Balintarbeit, bisher vor allem von Leitern der Silser Balint-Studienwoche. Wir publizieren auf der Website die Programme der Balinttagungen auf Wartensee, in Annecy und in Sils. Und wir führen jährlich eine Fortbildungsveranstaltung durch, zu der wir alle Personen einladen, von denen uns bekannt ist, dass sie mit Balintarbeit zu tun haben. Ich habe zu diesem Zweck z.B. eine Google-Suche zum Thema Balint gemacht und Personen, die ich dabei gefunden habe, zu unseren Fortbildungsveranstaltungen eingeladen. Auch in diesen Fortbildungsveranstaltungen haben wir gesehen, wie fruchtbar bei der konkreten Balintarbeit die Zusammenarbeit von Personen mit unterschiedlichem Hintergrund ist, die in unterschiedlichen Traditionen stehen.
Folie 7
Folie 8 Ich freue mich deshalb auf eine
Balintarbeit hier am Sempachersee mit Teilnehmern, die in einer für uns neuen Kultur
arbeiten, in der Arbeit mit Versicherten der Suva.
Literatur Egli, H: Zum Beispiel
Vatermord: über die Wechselwirkung zwischen der Dynamik von Balint-Tagungen und den
einzelnen Sitzungen Vortrag beim 13. Internationalen Balint-Kongress in Berlin,
3.10.2003. Balint 2004; 5: 78-81 Koukkou M, Lehmann D: Ein
systemtheoretisch orientiertes Modell der Funktionen des menschlichen Gehirns und die
Ontogenese des Verhaltens. Eine Synthese von Theorien und Daten. In: Koukkou M,
Leuzinger-Bohleber M, Mertens W (Hrsg.): Erinnerung von Wirklichkeiten: Psychoanalyse und
Neurowissenschaften im Dialog, Band 1. Verlag Internationale Psychoanalyse, Stuttgart,
1998a Koukkou M, Lehmann D: Die
Pathogenese der Neurose und der Wirkungsweg der psychoanalytischen Behandlung aus der
Sicht des "Zustandswechsel-Modells" der Hirnfunktionen. In: Koukkou M,
Leuzinger-Bohleber M, Mertens W (Hrsg.): Erinnerung von Wirklichkeiten: Psychoanalyse und
Neurowissenschaften im Dialog, Band 2. Verlag Internationale Psychoanalyse, Stuttgart,
1998b Moreau Ricaud, Michelle: Michael
Balint. Ramonville Saint-Agne, Édition Éreès, 2000 Optometrists network:
http://www.vision3d.com/sghidden.html Saller, Vera: Ist die Psychoanalyse
ein modernes Heilritual? Psychother. Soz. 6, 4, 2004 Simons, D. J. (2003). Surprising studies of visual awareness (DVD). Boulder, CO: Viscog Productions. http://www.viscog.com.
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