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Suva-Frühjahrstagung der VM-Ärztinnen und –Ärzte, Nottwil, 19.04.2005

Dr. med. Heinrich Egli, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
Kugelgasse 3, 9000 St.Gallen, www.hchegli.ch

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Liebe Kolleginnen und Kollegen

Ich danke den Organisatorinnen und Organisatoren dieser Tagung für die Einladung, über das Balint-Netzwerk in der Schweiz zu sprechen. Ich freue mich, 45 min zur Verfügung zu haben, sodass ich etwas weiter ausholen kann. Ich hoffe, mit meinem Vortrag auf Balint-Arbeit neugierig machen zu können. Das ist nicht ganz einfach. Balint-Arbeit wird nicht durch Wissensvermittlung in einem Vortrag erlernt, sondern Balintarbeit ist etwas wie eine Berufslehre, die beim Ausüben erlernt wird. Und ich kann Sie wohl auch nicht einfach vom Wert der Balintarbeit überzeugen mit der Mitteilung, dass mir die Balint-Arbeit so wichtig ist, dass ich auf meinen heutigen 65. Geburtstag nicht ein grosses Fest vorbereitet habe, sondern diesen Vortrag.

Ich möchte mit einem kleinen Experiment beginnen, das zeigen sollte, dass unsere Wahrnehmung sehr fehleranfällig ist und dass eine Lehre, ein Training im Schulen der Wahrnehmung, sehr Sinn macht. Auf dem folgenden Film sehen Sie zwei Mannschaften, eine Mannschaft mit weissen T-Shirts, die andere Mannschaft mit schwarzen T-Shirts. Jede Mannschaft hat einen Ball, der wie im Basketball zwischen den Spielern hin und her gespielt wird. Versuchen sie zu zählen, wie viele Ballwechsel vom einen zu einem nächsten Spieler in der weissen Mannschaft vorkommen. Versuchen Sie, sich zu konzentrieren und still zu sein, um die Konzentration ihrer Nachbarn nicht zu stören.

Vous allez voir un film avec deux teams. Un team porte des T-shirts blanc, l’autre team porte des T-shirts noir. Jaque team a une balle qui est jouée comme au basket-ball entre les joueurs. Essayez de conter combien de temps la balle est passé d’un joueur à un autre dans le team blanc. Essayez de vous concentrer e de rester muet pour ne pas déranger la concentration de vos voisins.

Film http://viscog.beckman.uiuc.edu/grafs/demos/15.html

Wie viele Ballwechsel haben Sie gezählt? Die Instruktion hat gelautet, sich zu konzentrieren und zu zählen. Ich zeige jetzt den gleichen Film nochmals mit der Instruktion, einfach aufmerksam zu sein, was es zu sehen gibt.

Film http://viscog.beckman.uiuc.edu/grafs/demos/15.html

Wer hat den Gorilla schon beim ersten Mal gesehen, wer hat keinen Gorilla gesehen? Es gibt sehr viele solche Experimente zu inattentional blindness. Ich hoffe, das Experiment gibt einen Eindruck davon, dass wir etwas Wichtiges übersehen können, wenn wir uns sehr auf vorgegebene Aspekte konzentrieren. Das Experiment ist auch eine Illustration zum wesentlichen Schritt, der zur Geburt der Balint-Arbeit geführt hat. Michael Balint hat schon in seiner Heimat Ungarn Seminare mit Hausärzten geführt, aber noch nicht mit dem Aha-Erlebnis, das dann später in England erfolgt ist. In Ungarn hat er noch mehr das Ziel gehabt, den Hausärzten psychoanalytisches Wissen zu vermitteln. Vor allem aber ist die Arbeit behindert worden, weil in jeder Sitzung ein Aufpasser der Geheimpolizei dabei war, weshalb er diese Gruppen 1937 auch aufgegeben hat (Moreau, S.42,S.103). In England hat er dann zusammen mit seiner Frau Enid eine Gruppe mit Sozialarbeitern geführt und hat dabei den Vorschlag gemacht, bei den Fallbesprechungen auf schriftliche Unterlagen und Vorbereitungen zu verzichten (Moreau, S.171). Loszulassen war so fruchtbar, dass er das weitergeführt hat in der Arbeit mit Hausärzten.

 

Folie 2: http://www.vision3d.com/sghidden/saturn.html

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Vielleicht erinnern Sie sich an ein ähnliches Aha-Erlebnis, wenn Sie in so einem zweidimensionalen Bild plötzlich eine dreidimensionale Struktur gesehen haben, was auch nur gelingt, wenn man nicht fixiert, sondern loslässt, in die Ferne blickt. Leider kann ich das mit dem Beamer nicht demonstrieren.  

Dieses Loslassen, sich nicht an vorgegebene Unterlagen zu klammern, sich nicht an eine vorgegebene Fragestellung zu halten, sondern in der Gruppenarbeit Geschichten sich entwickeln lassen, Gespräche sich entwickeln lassen, ist ein wesentlicher Aspekt der Balintarbeit geblieben. Das ist in unserer Kultur ein Fremdkörper. Wir haben ja dauernd eine Geheimpolizei im Hinterkopf, die uns kontrolliert, ob wir rasch arbeiten, effizient sind und nach den modernen wissenschaftlichen Methoden arbeiten. Und in der Diagnostik sind diese modernen Methoden eine operationale Diagnostik, in der nach vorgegebenen Kriterien gesucht und gezählt werden muss. Bei Untersuchungen des ärztlichen Gesprächsverhaltens zeigt es sich dann auch, dass Ärzte in der Regel nicht loslassen, kein Gespräch sind entwickeln lassen, sondern nach wenigen Sekunden ihre Patienten unterbrechen und gezielte Fragen stellen.

Die Balintarbeit stellt nun keine Forderung auf, wie Ärzte sich im Gespräch verhalten sollten, sondern sie interessiert sich für die Beziehung zwischen Arzt und Patient, interessiert sich für die Auswirkungen, wenn z.B. Patienten oder eine Erzählung rasch mit präzisierenden Fragen unterbrochen werden. Ich möchte das an einem Beispiel etwas ausführlicher zeigen.

Eine Ärztin hat einmal in einer Balintgruppe eine Geschichte erzählt von einer Patientin, die sie über einige Jahre in grösseren Abständen immer wieder gesehen hat und von der sie erfahren hat, dass die Patientin als Kind sexuell missbraucht worden war. Sie erzählte die Geschichte, weil sie sich bei der letzten Konsultation plötzlich so schlecht gefühlt hatte, dass sie das Sprechzimmer vorübergehend hatte verlassen müssen. Seither hat sich die Patientin nie mehr bei ihr gemeldet.

Wirklich spannend wird Balintarbeit, wenn sich in den Gruppensitzungen etwas ereignet, das erlebbar die erzählte Geschichte verdeutlicht. In dieser Sitzung unterbrach die Leiterin recht früh die Erzählung und bat, die Erzählerin möge doch rascher sagen, weshalb sie ihre Geschichte erzähle und was ihre Frage an die Gruppe sei. Ich als Teilnehmer erlebte das als unangenehme Unterbrechung, wie wenn ein Zuhörer im Grunde nicht interessiert ist.

Das Gruppengespräch führte dann zu einem viel tieferen Verständnis dieser Geschichte: Bevor die Ärztin das Sprechzimmer hatte verlassen müssen, hatte die Patientin nicht nur nochmals vom sexuellen Missbrauch in der Kindheit erzählt, sondern sie hatte präzisiert, schlimmer als der Missbrauch sei anschliessend das Erlebnis gewesen, dass ihre Mutter nichts habe davon hören wollen. In der Gruppe hat sich diese Geschichte zwischen einer wohl überforderten Mutter, die nicht hören will, und der Tochter gleich in mehrfacher Weise gespiegelt: Die Ärztin hatte ihre Geschichte damit eingeleitet, dass es ihr bei dieser letzten Konsultation nicht gut gegangen sei, dass sie überlastet gewesen sei. Deshalb sei es ihr wohl zuviel geworden und habe sie die Gesprächssituation verlassen müssen. Für die Patientin war das wohl eine Wiederholung des früheren Traumas, dass die Mutter nicht hören will. Und die Leiterin der Gruppe erklärte bei der Diskussion über den Verlauf der Sitzung ihr frühes Unterbrechen zum Teil mit den gleichen Worten: sie sei in dieser Abendsitzung vom Tag noch zu sehr beschäftigt gewesen und hätte eigentlich gar nicht eine Gruppensitzung leiten wollen. Und ich erlebte das frühe Unterbrechen der Leiterin ja ähnlich wie das Kind, dessen Mutter nicht hören will.

Im Titel meines Vortrags wird Balintarbeit und die Schweiz erwähnt. Ich möchte jetzt über die Grossgruppen sprechen, einen Aspekt der Balintarbeit, der mit der Schweiz verbunden ist. Balintarbeit ist im wesentlichen eine Arbeit in regelmässig stattfindenden Kleingruppen. Nach der Publikation des Buches von Michael Balint „The doctor, his patient and the illness“ 1957 ist rasch weltweit Interesse an seiner Arbeit entstanden.

Etwa 1963 ist Michael Balint dann von Boris Luban-Plozza eingeladen worden, an der Studientagung der Schweizerischen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin in Sils im Engadin seine Methode zu demonstrieren. Da über 100 Teilnehmer an dieser Tagung waren, hat Balint seine Arbeitsweise gezeigt in einer Grossgruppe mit einem Innenkreis, der normal Balintarbeit leistet, und einem Aussenkreis bestehend aus den übrigen Teilnehmern. Er hat den Aussenkreis zeitweise in die Diskussion einbezogen, was sich als so fruchtbar erwiesen hat, dass diese Arbeit in Grossgruppen mit Innen- und Aussenkreis seither ein wichtiger Teil von Balinttagungen geblieben ist. Die Arbeit mit Balint hat die damaligen Seminarteilnehmer so überzeugt, dass diese Studientagung seither regelmässig weiter durchgeführt wurde und die Tagung dieses Jahr unter dem Namen Silser Balint-Studienwoche zum 44. Mal stattfindet.

Balinttagungen wie Sils sind nun wie ein Labor, in denen sich Aspekte der Balintarbeit besonders deutlich zeigen können. Sie bieten eine zusätzliche Chance, die Wechselwirkung zwischen der Geschichte der Tagung oder einer Kultur oder einem Klima und den einzelnen Fallgeschichten zu sehen. Besonders eindrücklich war das im Jahre 2001, als die Tagung wenige Tage nach dem 11. September stattfand. Es bestand von Anfang an ein Klima der Gefahr und ein Bemühen, mögliche Gefahren abzuwenden, in einem Bild, es wurde immer versucht, Lawinenverbauungen zu errichten. Ich habe die erste freie Abenddiskussion geleitet und gespürt, dass diese Abenddiskussion jetzt nicht als ganz freie Diskussion zugelassen werden kann, sondern eine deklarierte Aufgabe braucht. Es gab in dieser Diskussion Angriffe auf die Leitung, mit dem Vorwurf, dass in der Gruppeneinteilung enge Regeln eingehalten worden waren. Es wurde aber auch Verständnis geäussert, dass in diesem Klima nach den Terroranschlägen so enge Regeln verständlich seien. Auch die Fallgeschichten drehten sich dann alle um dieses Thema einer Gefährdung durch eine unberechenbare Gewalt und dem Versuch, vorzubeugen, sich zu schützen, Lawinenverbauungen zu erstellen. Am krassesten war die Geschichte eines schizophrenen Mörders, der nach Haftentlassung von einer Theologin weiter betreut wurde, und wo die ganze Gruppe vor allem die Angst zum Ausdruck brachte, der Patient sei weiter unberechenbar, gefährlich und auf die Therapeutin eingeredet wurde, sie müsse auch Lawinenverbauungen errichten, sich müsse sich Supervision verschaffen, sie müsse dafür sorgen, dass der Patient stationär behandelt werde, oder sie müsse die Behandlung ganz abgeben. Wenn wir in unserer Angst vor Terroristen blind agieren, laufen wir Gefahr, gerade damit Gewaltausbrüche auszulösen. Es könnte z.B. gut sein, dass dieser Patient erst wieder gefährlich würde, wenn er sich von seiner Betreuerin abgelehnt fühlen würde. Es ist deshalb entscheidend wichtig zu realisieren, dass wir in einer Geschichte stecken, die z.B. Angst und das Bedürfnis nach Lawinenverbauungen auslöst.

So ein Thema wie die Angst nach den Terroranschlägen kann im Verlauf einer Woche von Fallgeschichte zu Fallgeschichte variiert werden und sich entwickeln. Ich habe das in einem Vortrag mit dem Titel „Zum Beispiel Vatermord“ (Egli, 2004) ausführlicher dargestellt. Wie aus dem Titel ersichtlich, ging es auch um ein aggressives Thema, um Auseinandersetzung mit Autorität. Das Thema war zuerst nur in Andeutungen sichtbar, z.B. mit einer ersten Fallgeschichte, in der ein im Hintergrund tätiger Heilpraktiker eine zahnärztliche Behandlung sabotierte und es ausgeschlossen schien, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Später gab es deutliche aggressive Auseinandersetzungen mit Autoritätspersonen, z.B. eine Frau, die ihrem Vater sexuellen Missbrauch in der Kindheit vorwarf. Die Auseinandersetzung erfolgte auch in der Sitzung selbst. Die Zuhörer fühlten sich vom vorstellenden Arzt manipuliert, ärgerten sich und es wurde geäussert, er stürze wie von einem Sockel. Am Schluss der Tagung entstand eine spielerisch-befreite Stimmung. Die Tagung wurde verglichen mit einem Flug durch Turbulenzen und es wurde gelobt, dass die Verbindung vom Passagierraum zum Cockpit immer offen gewesen sei. Es wurde geäussert, Balintarbeit sei gefährlich, aber nicht lebensgefährlich, oder es wurde empfohlen, wir sollten der Ankündigung der Tagung die Warnung beifügen: "Balintarbeit kann ihr seelisches Gleichgewicht beeinträchtigen!"

Meistens sind die äusseren Umstände einer Balintarbeit nicht so auffällig wie nach dem 11. September, die Umstände sind meistens ein gewohnter Rahmen, unsere Gewohnheiten, die uns gar nicht auffallen. Unsere Gewohnheiten und deren Auswirkung auf unser Handeln kann in verschiedener Art beschrieben werden. Eine Art ist neurowissenschaftlich (Koukkou 1998a, 1998 b):  

In vertrauter Umgebung können Auslöser, die ebenfalls als vertraut kategorisiert wurden, automatisiertes Verhalten initiieren. Dieses Kategorisieren der Auslöser geschieht präattentiv, das heisst, ohne dass es uns bewusst ist. Die informationsverarbeitenden Hirnprozesse ergänzen in vertrauter Umgebung fehlende, aber eigentlich dazugehörende Teile eines Ereignisses auf der Basis des früher erworbenen Wissens. Sie vernachlässigen kleine Unterschiede in der Information oder im Kontext, sodass die gewohnte Konstellation der Ereignisse identifiziert wird und mit dem automatisierten Verhaltensmuster beantwortet wird. Der automatische Informationsverarbeitungsmodus besteht aus Prozessen, die nach grosser individueller Erfahrung und Übung ohne bewusste Kontrolle ablaufen. Ein einfaches Beispiel für einen automatisierten Ablauf ist das Autofahren, wenn man es gut beherrscht. Die automatisierten Prozesse können auch in Gedanken oder Emotionen bestehen. Die automatisierten Abläufe sind sehr wertvoll, ohne automatisierte Abläufe könnten wir unsere Arbeit nicht tun und nicht technische Sportarten ausüben. Man wird sich automatisierter Abläufe manchmal bewusst, wenn die Abläufe unangepasst waren, zum Beispiel, wenn man nach einem Umzug automatisch den Weg zur früheren Wohnung eingeschlagen hat. Meistens ist es aber nicht so offensichtlich, dass das automatisierte Verhalten nicht adäquat ist, dass wir gewissermassen umgezogen sind und trotzdem noch die alten Trampelpfade gehen. Wenn ein Individuum maladaptives Wissen erworben hat, zum Beispiel, dass Beziehungspersonen vorwurfsvoll sind, dann kann es immer wieder (präattentiv, unbewusst) Verhalten von Bezugspersonen als vorwurfsvoll interpretieren und entsprechend automatisch darauf reagieren. Wir können also auch leiden an unseren automatisierten Verhaltensweisen.

Eine andere Art, Gewohnheit zu beschreiben, versucht die Zürcher Psychologin Vera Saller, die mit türkischen Patienten arbeitet. Sie beschreibt kulturell festgelegte Erlebnisweisen als habituelles Unbewusstes, z.B. die Erklärung von Beschwerden durch Verhexung (Saller, 2004). Ich kann das vielleicht mit einem eigenen Patienten illustrieren. Der türkische Patient ist mit 15 Jahren in die Schweiz gekommen, ist verheiratet, hat zwei Töchter und einen Sohn. Er hat als Metzger gearbeitet, ist gut integriert, spricht recht gut Deutsch, er hat das Schweizer Bürgerrecht erworben. Er ist gläubiger Muslim und trotz seiner guten Integration in der Schweiz ist er sehr in der bäuerlichen Kultur seines Herkunftsortes verwurzelt. Vor 6 Jahren hat er eine Wallfahrt nach Mekka machen wollen und hat traditioneller Weise kurz vor der Abreise ein grosses Fest gegeben. Gerade zu diesem Zeitpunkt ist die älteste, damals knapp 20-jährige Tochter plötzlich von zuhause ausgezogen zu einer Freundin. Der Patient musste am Fest allen etwas vorlügen, weshalb die Tochter nicht hier ist, und etwa über eine Woche suchte er die Tochter, mit einem Metzgermesser bewaffnet und der festen Absicht, sie zu töten. Er fand sie glücklicherweise nicht, die Tochter kam dann auch wieder heim, er erkrankte aber ein halbes Jahr später, wurde bald voll invalid und schrieb selbst seine Krankheit der damaligen Belastung zu. Bei den ersten Gesprächen war deutlich, dass er sehr wohl wusste, dass sein Impuls, die Tochter zu töten, für Schweizer unverständlich sein muss. Er war auch selbst jetzt froh, dass es nicht zur Tötung gekommen war. Es war für ihn aber weiter selbstverständlich, dass er in seiner Kultur für seine Tochter verantwortlich ist und dass seine Ehre zerstört ist, wenn eine Tochter vor der Heirat das Elternhaus verlässt. Im Verlauf einer längeren psychotherapeutischen Behandlung schilderte er dann, dass er ja auch ganz andere Werte hat. Er erzählte, wie wichtig ihm der religiöse Glaube ist, dass „Islam“ „Friede“ bedeute, dass der Koran das Töten untersage und dass für Allah Geduld sehr gottgefällig sei. Der Gegensatz zwischen seinen kulturellen und religiösen Werten fiel ihm aber nicht auf, er war ganz überrascht, als ich darauf hinwies. Und bei der nächsten Gelegenheit, als er meinte, es mache jemand eine Anspielung auf das damalige Vorkommnis, wurde er wieder aufgeregt, wie wenn erneut seine Ehre bedroht wäre.

Wir können uns nun überlegen, in was für einem Rahmen, in welcher Kultur, in welchem Klima wir hier Balintarbeit machen werden. Ich kenne diesen Rahmen nicht näher, ich kann nur versuchen, durch Beschreibung des Zustandekommens unserer Vorträge und unserer Gruppenarbeit nach Hinweisen zu suchen. Es war Management by e-Mail und das erste e-Mail lautete, dass eine halbtägige Fortbildung um Verständigung zwischen Kreisärzten der Suva und Versicherten durchgeführt werden soll. Es seien Referate vorgesehen und anschliessend würden die Kreisärzte für Balintarbeit in regionale Gruppen aufgeteilt. Es wurde ein Honorar in Aussicht gestellt, das mir für diesen Halbtag adäquat erschien. Im zweiten e-Mail wurden Titel für die drei Referate vorgeschlagen und erwähnt, dass die Balintgruppen am nächsten Morgen stattfinden würden. Das dritte e-Mail war der Programmentwurf der Frühjahrstagung, jetzt mit einem viermal höheren Honorar für die zweitägige Tagung. Im vierten e-Mail folgte das definitive Programm und die Bekanntgabe, dass zu vier bereits festgelegten Daten im weiteren Verlauf des Jahres Nachmittage mit Balintarbeit der regionalen Gruppen unter unserer Leitung festgelegt worden seien. Wir wurden aufgefordert, uns diese Termine zu reservieren und uns zu melden, falls uns Daten nicht zusagten. Meine Antworten bestanden meistens in einer Entschuldigung, dass ich lang nicht geantwortet hätte, und Zustimmung.

Ich habe nie Anlass gehabt, zu protestieren, denn ich finde das Ziel, eine Fortbildung über die Verständigung zwischen Kreisärzten und Versicherten, sehr sinnvoll. Ich finde das Mittel, die Balintarbeit, diesem Ziel sehr angemessen. Es ist sehr sinnvoll, nicht nur eine einmalige Balint-Sitzung durchzuführen, sondern wiederholte Sitzungen. Mit einem grosszügigen Honorar habe ich keinen Grund, mich übervorteilt zu fühlen. Die Veranstalter erscheinen also als sehr kompetent und effizient. Vielleicht fällt mir dieses Management nur als fremde Kultur auf, weil ich fast nur mit Patienten und Gruppen zu tun habe, die freiwillig zusammenkommen und mit denen in der Regel der Rahmen der Zusammenarbeit gemeinsam ausgehandelt werden muss. Ich könnte mir vorstellen, dass die Kultur, die sich in diesem Management zeigt, sich auch in den Fallbesprechungen zeigen könnte. Versicherte sind ja auch nicht wie Patienten, die aus eigenem Antrieb kommen und mit denen Lösungen gemeinsam gesucht werden müssen. Über Versicherte muss ja oft einfach entschieden werden. Ich bin auf alle Fälle neugierig auf die Gruppenarbeit, die sich hier ergeben wird.

Ich bin von der Geschichte der Balintarbeit in der Schweiz auf die Grossgruppen zu sprechen gekommen und dadurch auf die Auswirkung von Kontext, Klima oder Kultur auf die Gruppenarbeit. Ich möchte jetzt mit der Geschichte der Balintarbeit in der Schweiz weiterfahren und erzählen, wie eine Art Netzwerk entstanden ist. 

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Die Silser Studienwoche war der wichtigste Ausgangspunkt für die Verbreitung der Balintarbeit in der Schweiz. Es gab eine erste Generation von Balintgruppenleitern, die noch Balint bei seinen wiederholten Teilnahmen in Sils bis zu seinem Tod 1970 erlebt haben. Diese Balintgruppenleiter haben dann auch Balintgruppen in der ganzen Schweiz geführt. In Sils kann gewissermassen eine Lehre als Balintgruppenleiter absolviert werden, indem jemand mehrmals als Co-Leiter an der Tagung teilnimmt. Viele Balintgruppenleiter in der Schweiz haben diese Ausbildung absolviert. Die Silser Studienwoche ist über Jahrzehnte im Namen der Schweizerischen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin durchgeführt worden. Von Balintgruppenleitern, die in Sils ihre Ausbildung absolviert haben und dann selbst ins Leiterteam von Sils gekommen sind, ist dann 1999 die Initiative zur Gründung der Schweizerischen Balintgesellschaft gekommen. Die jetzt 45 Mitglieder der Schweizerischen Balintgesellschaft stammen zu einem grösseren Teil aus dem Kreis der Balintgruppenleiter, die in Sils ihre Ausbildung absolviert haben.

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Die Silser Studienwoche hat auch eine kleine Schwester bekommen, die interdisziplinären Balint-Tage auf Wartensee, die dieses Jahr zum 6. Mal durchgeführt werden. Es ist die kleine Schwester, weil die Silser Balint-Studienwoche jeweils eine ganze Woche dauert, die Tagung auf Wartensee nur von Donnerstag bis Samstag. Die Silser Studienwoche hat auch Ausstrahlungen nach Deutschland gehabt. Balintgruppenleiter aus Sils waren beteiligt an der Durchführung einer ersten Balinttagung im Harz, die seither ebenfalls regelmässig durchgeführt wird, dieses Jahr zum 31. Mal. Die Balintarbeit hat sich auf der ganzen Welt verbreitet. 1967 wurde in Frankreich eine erste nationale Balintgesellschaft gegründet. 1975 wurde eine internationale Balint-Föderation gegründet mit jetzt 21 beitragszahlenden Mitgliederländern.

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In vielen Ländern gibt es neben den Kleingruppen auch Balint-Tagungen, erwähnen möchte ich noch die französisch-schweizerischen JOURNEES BALINT D’ANNECY

Eine internationale Vernetzung durch die internationalen Balintkongresse oder auch durch den regelmässigen Austausch von Leitern zwischen der deutschen Balinttagung im Harz und der Balintwoche in Sils haben dabei u.a. die Funktion, uns auf unsere eigenen, als selbstverständlich erlebten Gewohnheiten aufmerksam zu machen. Die Arbeit in Grossgruppen mit Innen- und Aussenkreis, die uns so wertvoll erscheint, spielt offenbar in Frankreich und England keine grosse Rolle, hat zum Teil einen schlechten Ruf. Balintgruppenleiter haben auch unterschiedliche Gewohnheiten beim Leiten. In einer Balintsitzung erzählt ja ein Teilnehmer frei von einer Geschichte, die er mit einem Patienten oder einer Patientin erlebt hat und anschliessend erfolgt eine freie Diskussion. Vor allem deutsche Balintgruppenleiter haben oft die Gewohnheit, nach der Präsentation der Fallgeschichte noch ein paar Verständnisfragen von der Gruppe an den Vorstellenden zuzulassen und dann diesen aufzufordern, sich zurückzulehnen und nichts mehr zu sagen. Das kann als ein Element einer autoritär durchgeführten Technik wirken und ein Loslassen behindern. Das Loslassen kann anderseits auch dadurch behindert werden, dass Teilnehmer einen Vorstellenden mit Fragen bombardieren, statt neugierig zu sein auf das, was von innen kommt, auf die Auslöser dieser Fragen.

Ich möchte jetzt noch konkreter über unsere Bestrebungen, ein Netzwerk zu bilden, sprechen. Die Zielsetzungen der Schweizerische Balintgesellschaft sind:

a)      Qualitätsförderung der Balint-Gruppenleitung in der Schweiz

b)      Angebot entsprechender Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten

c)       Pflege des Kontaktes zu Gesellschaften, welche im Bereich der psychosomatischen und psychosozialen Medizin, sowie in verwandten Bereichen auf nationaler und internationaler Ebene tätig sind.

Wir haben eine Website: www.balint.ch, auf der es eine Liste von Balintgruppen in der Schweiz gibt. Wir haben auch die Liste der Personen veröffentlicht, die wir zur Fortbildung einladen. Das sind ja potentielle Balintgruppenleiter und können bei Interesse an der Gründung einer neuen Balintgruppe angefragt werden. Wir publizieren Literatur über Balintarbeit, bisher vor allem von Leitern der Silser Balint-Studienwoche. Wir publizieren auf der Website die Programme der Balinttagungen auf Wartensee, in Annecy und in Sils. Und wir führen jährlich eine Fortbildungsveranstaltung durch, zu der wir alle Personen einladen, von denen uns bekannt ist, dass sie mit Balintarbeit zu tun haben. Ich habe zu diesem Zweck z.B. eine Google-Suche zum Thema Balint gemacht und Personen, die ich dabei gefunden habe, zu unseren Fortbildungsveranstaltungen eingeladen. Auch in diesen Fortbildungsveranstaltungen haben wir gesehen, wie fruchtbar bei der konkreten Balintarbeit die Zusammenarbeit von Personen mit unterschiedlichem Hintergrund ist, die in unterschiedlichen Traditionen stehen.

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Ich freue mich deshalb auf eine Balintarbeit hier am Sempachersee mit Teilnehmern, die in einer für uns neuen Kultur arbeiten, in der Arbeit mit Versicherten der Suva.

 

Literatur

Egli, H: Zum Beispiel Vatermord: über die Wechselwirkung zwischen der Dynamik von Balint-Tagungen und den einzelnen Sitzungen – Vortrag beim 13. Internationalen Balint-Kongress in Berlin, 3.10.2003. Balint 2004; 5: 78-81

Koukkou M, Lehmann D: Ein systemtheoretisch orientiertes Modell der Funktionen des menschlichen Gehirns und die Ontogenese des Verhaltens. Eine Synthese von Theorien und Daten. In: Koukkou M, Leuzinger-Bohleber M, Mertens W (Hrsg.): Erinnerung von Wirklichkeiten: Psychoanalyse und Neurowissenschaften im Dialog, Band 1. Verlag Internationale Psychoanalyse, Stuttgart, 1998a

Koukkou M, Lehmann D: Die Pathogenese der Neurose und der Wirkungsweg der psychoanalytischen Behandlung aus der Sicht des "Zustandswechsel-Modells" der Hirnfunktionen. In: Koukkou M, Leuzinger-Bohleber M, Mertens W (Hrsg.): Erinnerung von Wirklichkeiten: Psychoanalyse und Neurowissenschaften im Dialog, Band 2. Verlag Internationale Psychoanalyse, Stuttgart, 1998b

Moreau Ricaud, Michelle: Michael Balint. Ramonville Saint-Agne, Édition Éreès, 2000

Optometrists network: http://www.vision3d.com/sghidden.html

Saller, Vera: Ist die Psychoanalyse ein modernes Heilritual? Psychother. Soz. 6, 4, 2004

Simons, D. J. (2003). Surprising studies of visual awareness (DVD). Boulder, CO: Viscog Productions. http://www.viscog.com.

 

 

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